Zwei Arten, „wir“ zu sagen
„Gott will, dass allen Menschen geholfen werde“. So malte Pfarrer Straub es an die Wände seiner Kirche. Er bezahlte dafür mit dem Verlust seiner saarländischen Heimat.
Die Botschaft erscheint selbstverständlich: „Gott will, dass allen Menschen geholfen werde“. Das ist ein Satz aus dem ersten Timotheusbrief. Pfarrer Straub schrieb ihn in riesigen Buchstaben an die Mauern hinter dem Altar. Denn selbstverständlich war Gottes umfassende Liebe vor 90 Jahren ganz und gar nicht.
Werner Straub wurde 1901 in Saarbrücken geboren und wirkte bis 1938 als Pfarrer in Karlsbrunn. Karlsbrunn liegt im Warndt, nicht weit von Völklingen. Werner Straub war national geprägt und er begrüßte 1935 den Anschluss des Saargebietes an das Deutsche Reich. Aber als Christ stellte er sich dem Nationalsozialismus klar entgegen. Er predigte Gottes Zuwendung zu allen Menschen ohne Unterschied.
So ließ man sein Pfarrhaus durchsuchen. Man organisierte Busfahrten zum Gottesdienst im Nachbarort und entzog dem – Zitat – „Saboteur am Aufbauwerk des Führers“ die Erlaubnis zu unterrichten. Immerhin, die Leitung der Gemeinde hielt zu ihm, bis Werner Straub am 13. Mai 1938 aus dem Saarland ausgewiesen wurde. Er sollte es nicht wiedersehen.
“Gott will, dass allen Menschen geholfen werde” – so stehen die Worte noch immer im Altarraum der Kirche von Karlsbrunn. Wie aber steht es heute um ihre Selbstverständlichkeit?
Werner Straub hatte verstanden, dass man auf zwei sehr unterschiedliche Arten „wir“ sagen kann. Es gibt ein Wir, welches alle Menschen einschließt. In diesem Wir gilt es, niemanden zurückzulassen, niemanden abzulehnen, niemandem fremde Schuld aufzuladen. In diesem Wir soll eben „allen Menschen geholfen werden“ – ohne Ausnahme. Wo es nicht gelingt – ja meistens gelingt es nicht -, da bleibt zumindest ein Unbehagen.
Und es gibt eine zweite Art „wir“ zu sagen. Dieses zweite Wir sagt zugleich: “Ihr nicht!” So ein begrenztes Wir schafft unmittelbar Nähe. Es gibt ein Gefühl von Gemeinschaft und Stärke. Es legitimiert sich moralisch, indem man sagt: „Jetzt sind wir dran! Wir müssen uns wehren!“. Gegen welche Bedrohungen und Gegner auch immer.
Aber seine Wärme nach innen ist Kälte nach außen. Das zweite Wir schöpft seine Kraft aus dem Herabschauen auf andere. Darum will es gerade nicht, dass allen geholfen wird. Es braucht diejenigen, die auf der Strecke bleiben. Das zweite Wir verlockt und berauscht wie eine Droge nur vorübergehend. Ständig braucht es neue Gegner.
Werner Straub warnte vor dem zweiten Wir und wurde so selbst sein Opfer. Sein Schicksal zeigt: Politik gewordener Egoismus hilft niemandem. Er zerstört nur das erste Wir und damit die Gemeinschaft aller.
Zugegeben, im Hier und Jetzt schon für alle zu sorgen, übersteigt oft die menschlichen Möglichkeiten. Manche sagen, das erste Wir lässt sich auf Dauer nur im festen Glauben daran leben, dass Gott alle denkbaren Bedrohungen und Gegner schon besiegt hat. Mag sein. Aber die Richtung stimmt dennoch.
Denn alle Menschen kennen Augenblicke, in denen wirklich allen geholfen war. Momente, in denen unser Wir ohne ein “Ihr nicht!” ausgekommen ist. Da war Glück statt Stärke, Wärme ohne Kälte, Hilfe ohne Ausgrenzung. Und darum geht’s.
Ich danke Werner Straub für viele Gottesdienste, die ich in Karlsbrunn unter seinen Worten feiern durfte. Einst in Not gemalt, wirkt ihre Kraft bis heute. Denn sie sagen klar, wie Gott uns Menschen sieht und es schafft, dass wirklich allen geholfen wird.