Von Bildern, die nicht lügen
Plinius der Ältere war ein römischer Gelehrter. Er erzählt vom Wettstreit zwischen zwei Malern. Beide wollten der größte Künstler ihrer Zeit sein.
Der erste malte Weintrauben so realistisch, dass Vögel angeflogen kamen, um sie zu picken. Danach sollte der zweite sein Bild zeigen. Der deutete auf einen Vorhang. Sein Konkurrent wollte den Vorhang beiseiteschieben und das Bild dahinter sehen. Aber das ging nicht. Der Vorhang selbst war das gemalte Bild. So musste der erste Maler den Sieg seines Gegners anerkennen.
2000 Jahre sind seitdem vergangen. Inzwischen gestaltet künstliche Intelligenz Fotos und Videos so realistisch, dass das menschliche Auge nicht mehr erkennen kann, ob Bilder lügen. Man braucht Deep-Fake Detektoren – Programme, die Manipulationen erkennen.
Was aber darf ich ohne technische Hilfe noch glauben in einer Welt, die auf das Sehen baut wie auf keinen anderen Sinn? Wem traue ich, wenn jede und jeder mit wenigen Klicks erschaffen kann, was der Anschein sein soll? In diesem Wettstreit kämpft der siegreiche Maler millionenfach gegen sich selbst, bis hinter allen Vorhängen die Welt verschwindet, in der es einmal einen echten Vorhang gab.
Der römische Gelehrte Plinius konnte sich über den Sieg der Kunst noch freuen. Ich dagegen mache mir Sorgen. Und hoffe auf ein Versprechen, das nur scheinbar nichts mit KI zu tun hat. Der Apostel Paulus will es erkannt haben und sagt: „Ich werde sehen!“
„Ich werde sehen!“, das war seine Hoffnung für die Zukunft. Doch sie ließ Paulus auch schon die Gegenwart mit anderen Augen schauen. Die Kunst der beiden Maler hätte er als Stückwerk abgetan.
Aber der Reihe nach: In einem seiner Briefe hebt Paulus die Liebe über alle Tugenden und Gaben. Denn erst die Liebe erfüllt alles mit Sinn: alle Erkenntnis, allen Glauben, alle Selbstlosigkeit. Berühmt ist die Formulierung des Paulus „Wenn ich alle Erkenntnis hätte und allen Glauben und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts“.
Während alle guten Taten, Künste und alles Wissen vergehen werden, bleibt die Liebe. Paulus beschreibt die Liebe als Wert in allen Handlungen. Aber für ihn ist sie auch ein Weg des Erkennens. Paulus schreibt: „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.“
Sehen und lieben hängen für Paulus also fest zusammen. Denn Sehen ist das Sehen eines Gegenübers. Erkennen ist Beziehung. „Ich werde erkennen, gleichwie ich erkannt bin.“
Da geht es nicht allein um Optik. Die Liebe wird zum Schlüssel, um das Wahre vom Fake zu unterscheiden. Weil Liebe den Taten Wert gibt, ist die Liebe in vielen Taten auch sicher wiederzuerkennen. Dazu braucht man aber nicht nur Augen, sondern alle Sinne, Verstand und Herz.
Ich weiß nicht, ob Paulus als Deep-Fake-Detektor anerkannt würde. Liebe ist kein Algorithmus und liegt auf einer anderen Ebene.
Je besser die Fälschungen aus dem Computer werden. Je mehr die große Illusion aus Nullen und Einsen mit meiner kleinen Welt verschmelzen will, desto mehr will ich mich mit allen meinen Sinnen orientieren. Vielleicht am wenigsten mit den Augen und am meisten mit dem Herzen, um die Beziehung zu durchschauen, die mir jemand anbietet. Wie Paulus hoffe ich auf das Versprechen, einst zu sehen, wer hinter allen Vorhängen auf uns wartet.
Plinius, der römische Gelehrte konnte sich noch über die perfekte Täuschung freuen. Ich will mich freuen, wenn die Liebe Bilder erkennt, die mich nicht belügen.