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Vertrauenssache

Alle vier Monate das gleiche Spiel: Ich sitze anderthalb Stunden im Zug. Nur für einen Haarschnitt. „Verrückt“, sagen meine Freunde. „Such dir doch jemanden vor Ort!“ Aber so einfach ist das nicht. Denn ich fahre zu Leonie.

Seit fünf Jahren schneidet sie meine Haare. Ich bin ihr schon durch fünf Salons gefolgt, jetzt hat sie sich selbstständig gemacht. Jedes Mal im Zug frage ich mich auch: Bin ich noch ganz bei Trost? Doch in dem Moment, in dem ich mich in ihren Stuhl setze, weiß ich: Ja. Das ist genau richtig.

Ein Termin bei Leonie ist viel mehr als nur Spitzen schneiden. Es ist Vertrauenssache. Wir sehen uns selten, aber sie knüpft mühelos an unser letztes Gespräch an. Sie erinnert sich an Details aus meinem Leben, die ich selbst fast vergessen hätte. Bei ihr bin ich sicher und gut aufgehoben. Sie ist Friseurin, Vertraute und manchmal ein bisschen Therapeutin. Ich merke: Hier werde ich gesehen.

Für dieses Gefühl nehme ich die weite Fahrt auf mich. Und dabei kam mir ein Gedanke: Wie viel Weg bin ich eigentlich bereit zu gehen – für Gott? In der Bibel steht: „Ihr werdet mich suchen und finden, wenn ihr mich von ganzem Herzen sucht.“

Vielleicht ist Glauben genau das: sich immer wieder auf den Weg machen. Nicht, weil es bequem ist, sondern weil ich darauf vertraue, dass am Ende jemand wartet, bei dem ich wirklich gesehen bin. Es lohnt sich, dranzubleiben – bei der Suche nach einem guten Haarschnitt genauso wie bei der Suche nach Gott.