Beiträge

Tagebuch

Ich hebe meine alten Tagebücher auf. Sie sind mehr als Papier. Sie sind wie Zeitkapseln. Wie Bernsteine, die Momente einschließen – unverändert, ungeschönt, unversöhnlich ehrlich.

Wenn ich alte Einträge lese, begegne ich nicht nur Erinnerungen, sondern meinem früheren Selbst. Einer Person, die wütend war, verletzlich, suchend. Oft fühlt sich das erschreckend nah an, als sei keine Zeit vergangen. Und gleichzeitig weiß ich: Ich bin heute nicht mehr diese Person.

Genau darin liegt die Spannung. Tagebücher konfrontieren mich mit der Frage, wie viel Kontinuität in meinem Leben steckt – und wie viel Wandel. Sie zeigen mir, dass Entwicklung nicht geradlinig ist, sondern aus Brüchen, Wiederholungen und leisen Verschiebungen besteht.

Ich nehme mir vor, in meinem nächsten Urlaub nochmal Tagebuch zu schreiben. Und nicht groß darüber nachzudenken. Sonst bin ich nicht mehr frei, sondern schreibe mit einem inneren Publikum im Nacken. Dann wird das Tagebuch zweckgebunden: Erinnerungshilfe, Archiv, Material für später. Die Unmittelbarkeit geht verloren.

Die Herausforderung ist also nicht nur, wieder Tagebuch zu schreiben. Sondern wieder so zu schreiben, dass ich mich selbst nicht permanent beobachte. Ehrlich. Unfertig. Ohne Verwertungsabsicht. Ich will es versuchen.