Stoßgebet im Stillstand
„Mein Gott, fahr doch endlich!“ – Die Frau vor mir im Zug ist sichtlich genervt. Eigentlich war sie ganz ruhig, hat nur ab und zu mit ihrer Zeitung geraschelt. Doch jetzt stehen wir seit drei Minuten auf offener Strecke, die Türen sind längst zu, nichts bewegt sich. Und da bricht es aus ihr heraus: Ein lauter, vernehmlicher Ausruf Richtung Himmel.
Ich muss schmunzeln. War das gerade ein Gebet? Wahrscheinlich würde sie das selbst gar nicht so sehen. Viele sagen das „Mein Gott“ einfach so dahin, wenn die Geduld am Ende ist. Aber der Gedanke lässt mich nicht los: Wann beten wir eigentlich wirklich?
Ich hätte sie gerne gefragt, habe mich aber nicht getraut – Glaube ist ja doch etwas sehr Privates. Deshalb frage ich heute Morgen einfach Sie: Wann reden Sie eigentlich mit Gott? Nur dann, wenn es brenzlig wird oder die Bahn nicht weiterfährt? Wenn die Geduld reißt oder wenn die Freude überquillt?
Probieren Sie es doch mal aus. Vielleicht hört er ja doch zu? Unser Zug ist übrigens kurz darauf wieder angefahren und kam sogar pünktlich an. Man könnte fast meinen: Das Stoßgebet wurde direkt erhört.