Sprachförderung
Er war nur ungefähr einen Meter fünfzig groß und doch ist er neben Martin Luther der bedeutendste Reformator aus Wittenberg gewesen: Philipp Schwarzerd. Schwarz – wie? Haben Sie noch nie gehört?
Nun, besser bekannt ist er unter dem Namen Melanchthon. Wie viele Gelehrte seiner Zeit hat Philipp Schwarzerd seinen Nachnamen ins Griechische übersetzt. So wurde aus „melas“ gleich „schwarz“ und „chtonos“ gleich „Erde“ der Name Melanchthon.
Als „praeceptor germaniae“, der Lehrer der Deutschen, ist Melanchthon in die Geschichte eingegangen. Seine Neugestaltung des Bildungssystems führte zur Errichtung von Schulen und zur Reform der Universitäten. Aufgrund seiner extrem großen Sprachkenntnisse und Sprachfähigkeiten wurde er zum wichtigsten Mitarbeiter Luthers – auch bei der Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche.
Den Menschen zu bilden war eines der elementarsten Anliegen der Reformation. Kirche wurde so zum Bildungsträger. Erst durch das Vorantreiben der Bildung hat die Reformation im 16. Jahrhundert ihre geistliche Kraft und kulturelle Wirkung entfaltet. Insbesondere wollte Melanchthon die Sprachfähigkeit fördern. Für ihn war Sprache der angemessene Ausdruck des Denkens und das Instrument des Geistes. Denn in der Sprache eines Menschen zeige sich – so Melanchthon – der Ausdruck eines geordneten Denkens. Fehlerhafter Sprachgebrauch und eine „verwilderte“ Sprache dagegen, wiesen demnach auf ein fehlerhaftes Denken hin. Melanchthon hat darin sogar Indizien gefunden für ein Chaos im Denken, das bis zum Fanatismus führen kann.
Rund 200 Jahre nach Melanchthon hat Wilhelm von Humboldt dessen These von der Kraft der Sprache wieder aufgenommen. Humboldt, der heute vor 182 Jahren gestorben ist, hatte zwar nie eine öffentliche Schule besucht, war aber einer der gelehrtesten Menschen seiner Zeit.
1767 wurde er als Sohn einer Adelsfamilie in Potsdam geboren. Die Erziehung war preußisch und privilegiert, aber auch im Sinne der Aufklärung. Fasziniert von Literatur und Wissenschaft entwickelte von Humboldt – wie Melanchthon – eine große Begeisterung für Sprache. Wie sprechen Menschen? Wie leben sie? Wie denken sie? Diese drei Fragen haben Wilhelm von Humboldt
beschäftigt. Neben dem Jura-Studium besuchte er Vorlesungen bekannter Philologen. Mit 32 Sprachen hat er sich auseinandergesetzt. Fünf Sprachen beherrschte er in Wort und Schrift.
Die Sprache sei eine Kraft, die dem Menschen das Tor zur Welt öffnet. Sie sei wie ein Filter, durch die man die Welt wahrnimmt und habe Einfluss auf die Denkweise eines Menschen und kulturelle Bedeutung – so Wilhelm von Humboldt. Seine am Menschen orientierte Idee von Bildung führte zu einer
umfassenden Reform des deutschen Bildungswesens. Die im Jahre 1810 nach seinen Vorstellungen eröffnete Neue Deutsche Universität in Berlin entwickelte sich schnell zum lebendigen Diskussionsort namhafter Gelehrter. 29 Nobelpreisträger – wie Max Planck, Robert Koch und Fritz Haber – haben an
dieser Universität, die noch heute den Namen Humboldts trägt, studiert.
Sowohl Melanchthon als auch von Humboldt waren Förderer des Gedankens, dass Sprache im Zusammenleben der Menschen eine immer größere Bedeutung gewinnt.
Heute spricht jeder von uns täglich ca. 16 000 Wörter im Durchschnitt. Es gibt Sprachförderung in der Kindergartenpädagogik, an den Schulen und Sprachkurse für die neuen Bürger, die aus anderen Kulturen und Ländern zu uns kommen. Wer miteinander leben möchte, muss einander verstehen. Wer einander verstehen will, muss miteinander sprechen können. Wer miteinander sprechen kann, versteht auch wie und warum der andere so denkt und handelt.
Melanchthons reformatorische Ideen in Bezug auf Sprache und die Weiterführung durch Wilhelm von Humboldt sind für unser aller Zusammenleben heute wichtiger denn je.