RadioKirche „Richard Powers, Der Klang der Zeit“: Literaturgottesdienst – Studioproduktion
| Sie hören eine Radiokirche, konzipiert als Literaturgottesdienst von Veronika Kabis. Bärbel Jenner liest aus dem Buch „Der Klang der Zeit“ von Richard Powers. Weitere Texte sprechen Veronika Kabis und Jörg Metzinger.
Die musikalischen Stücke sind unter anderem Originalaufnahmen von Marian Anderson, Gospels verschiedener Interpreten sowie Werke von Johann Sebastian Bach. |
| J.S. Bach, Kantate „Singet dem Herrn ein neues Lied“, BWV 190, Chorus; Bach-Ensemble Hellmuth Rilling, Hänssler edition Bachakademie; zum Neujahrstag 1724 |
| Der Klang der Zeit ist ein Roman von Richard Powers aus dem Jahr 2003. Er erzählt eine amerikanische Familiensaga, insbesondere das Leben von zwei musikalisch hochtalentierten Brüdern. Sie sind die Söhne eines deutsch-jüdischen Physikers und seiner schwarzen Ehefrau aus Philadelphia. Die Geschichte der Familie ist eingebettet in die Geschichte der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und des Kampfes gegen Rassismus. Zugleich geht es um die Kraft der Musik und des Gesangs, die an vielen Stellen des Buches leidenschaftlich beschrieben wird.
Diese Radiokirche ist Gottesdienst und Literatur zugleich. Sie feiert die Kraft der Sprache und der Musik. Sie hört zu, was Menschen zu sagen haben, für die Rassismus nicht nur ein Wort, sondern eine alltägliche Erfahrung ist. Die Schlüsselszene des Romans, die zu hören sein wird, markiert den Beginn der Familiengeschichte. Sie spielt an Ostern 1939, und sie verbindet die fiktive Familiengeschichte mit einer wahren Begebenheit: Die weltweit gefeierte schwarze Sängerin Marian Anderson darf in den USA aufgrund der Rassentrennung nicht in den Konzertsälen der Weißen auftreten. Dafür hat die erzkonservative Organisation „Daughters of the american Revolution“ gesorgt. Daraufhin gibt sie – auf Einladung der First Lady Eleanor Roosevelt – ein Freiluftkonzert vor dem Lincoln Memorial in Washington. 75.000 Menschen kommen zu diesem Konzert! In der Menge lernt die musikbegeisterte afroamerikanische Studentin Delia den aus Deutschland emigrierten jüdischen Physikprofessor David kennen. Sie heiraten später, und zwei ihrer Kinder werden äußerst talentierte Musiker, der eine Sänger, der andere Pianist. Aber auch die Erfahrung des Rassismus zieht sich durch ihr weiteres Leben im 20. Jahrhundert. Die Auszüge aus dem Roman beschreiben aus unterschiedlicher Perspektive jenen Ostersonntag 1939, das legendäre Konzert von Marian Anderson. |
| An diesem Tag begeht eine Nation ihre eigene Totenfeier. Nach dem Regen der vergangenen Nacht ist die Luft kalt und klar. Der Sonntag erhebt sich rot und protestantisch über dem Potomac. Die bleicheren Verwandten des Lichts kratzen an den Prachtbauten von Washington, sie schärfen die Konturen der Regierungsgebiete, verwandeln Sandstein in Marmor, Granit in Schiefer. Der frühe Morgen taucht jeden Mauersims in Magenta, und von Stunde zu Stunde werden die Farben intensiver.
Arbeiter sind auf der Mall zugange, über die der Aprilwind die bunten Seiten einer Comiczeitung weht. Sägeböcke und Absperrkegel begrenzen die gesetzlose Weite des öffentlichen Raums. Staatliche Bautrupps – nach Hautfarbe getrennt – legen letzte Hand an die Tribüne auf den Stufen des Lincoln Memorials. Eine Hand voll Organisatoren lässt den Blick über die spiegelnde Wasserfläche gleiten und schließt Wetten ab, wie viele Menschen sich bei diesem zum Jubelfest umfunktionierten Begräbnis einfinden werden. Die Massen, die in drei Stunden über sie hereinbrechen, werden ihre kühnsten Erwartungen übertreffen. Grüppchen von Neugierigen beobachten die letzten Vorbereitungen. Die Nachricht liegt schon länger in der Luft – die Ankündigung dieses verbotenen Konzerts. Amerikanischer Traum und amerikanische Wirklichkeit beziehen Stellung, und die Geschosse werden sich in der Luft über den Köpfen der Zuhörer treffen. Das betagte Staatsschiff ging gestern Abend ächzend in der Marinewerft von Washington vor Anker, und jetzt, an diesem Ostermorgen des Jahres 1939 – während sich bis hinauf in die Vorstädte in Maryland schon die Massen sammeln und Kirchengemeinden sich noch in ihren Wechselgesängen die alte Geschichte von der Auferstehung vorerzählen -, halten ganze Stadtviertel den Atem an und warten, ob sie am heutigen Tag den Untergang dieses löchrigen alten Kahns miterleben werden. „Wie lang?“, fragt das Kirchenlied. „Wie lang bis zu dem Tag?“ Letzten Freitag noch wagte kein Lied mehr als ein bald, und kein Sänger dachte etwas anderes als nie. Doch an diesem Morgen ist, als niemand hinsah, ein Wunder geschehen, der Stein vom Grab gerollt, die römischen Statthalter liegen zerschmettert am Boden, und der Engel verkündet seine Botschaft, sein Flügel streift das Jefferson-Denkmal, und er sagt jetzt, er singt das Lied von der Erlösung in C-Dur. |
| Wir feiern diesen Gottesdienst als Fest der Gerechtigkeit im Namen Gottes, der uns ins Leben ruft, im Namen Jesu Christi, der uns Gemeinschaft zutraut, im Namen der Heiligen Geistkraft, die uns ermutigt, Grenzen zu überwinden. AmenWir bringen vor Gott unsere Träume von einem gerechten Leben: Alle Menschen haben genug zu essen; niemand wird wegen seiner Herkunft, seiner Hautfarbe, seines Geschlechts, seiner Identität oder seines Glaubens benachteiligt; jede und jeder wird respektiert – so wie er oder sie ist.Wir bringen vor Gott unsere Träume von einem friedlichen Leben: Wir wissen: Oft tun wir zu wenig für die Verwirklichung unserer Träume. Deshalb bitten wir Gott um Erbarmen.
Nicht jeder braucht Gott, um zu leben. Deswegen: |
| J.S. Bach, Kantate „Singet dem Herrn ein neues Lied“, BWV 190, Aria: Lobe Zion, deinen Gott |
| Drüben an der Pennsylvania Avenue suchen rosige Kinder auf dem Rasen des Weißen Hauses Ostereier. Drinnen, im Oval Office, steht Demokratie heute Nachmittag nicht auf dem Programm. Die Glocke der Freiheit wird nicht erklingen in der Constitution Hall. Dafür haben die „Daughters oft he American Revolution“ gesorgt. Sie haben die Türen vor Marian Anderson verschlossen, der größten Altistin des Landes, vor kurzem erst zurückgekehrt von einer triumphalen Europatournee. Sogar in Berlin waren mehrere Auftritte vorgesehen, bis ihr europäischer Agent den Behörden gestehen musste, dass Miss Anderson leider nicht ganz, nicht hundert Prozent arisch sei.
Was ist das für eine Revolution, die die Töchter, verschanzt in ihrer strahlend weißen Säulenhalle, verhindern wollen? Die Presse bittet sie um Stellungnahme. Ist es Prinzip oder war nur ein unglücklicher Zufall? Die Töchter der amerikanischen Revolution antworten, dass es in der Stadt Tradition sei, dass Leute wie Miss Anderson nur in bestimmten Konzertsälen aufträten. Die Constitution Hall gehöre nicht zu diesen Sälen. Seit dem Ende des Bürgerkriegs haben alle Präsidenten die Rassentrennung geduldet. Jetzt wird ein Liederabend zum Prüfstein für das Ansehen der Regierung. Die hohe Kultur zieht mit wehenden Fahnen in die Schlacht, und es geht nicht mehr nur um einen weiteren Tritt, den man dem geschundenen Schwarzen versetzt, sondern auch um Schubert und Brahms. Drüben in Philadelphia, in der Union Baptist Church, dem Gotteshaus, in dem Marian Anderson einst zum ersten Mal ihre Stimme erhoben hatte, ist dies die Stunde der Erlösung. Im eigens eingerichteten Frühgottesdienst an diesem Morgen des Aufbruchs flicht der Pfarrer Miss Anderson in seine Osterpredigt ein. Er spricht von dem Lied eines Lebens, das sich unaufhaltsam emporschwingt und dem Grabe entsteigt, auch wenn das mächtige Reich es noch so gern tot und begraben sähe. Das weite Halbrund der Bankreihen geht begeistert mit und besiegelt jedes Wort mit einem vielstimmigen Amen. Die Botschaft ist gut, und die Gemeinde erhebt sich wie einst der Tote im österlichen Grab. Im besten Sonntagsstaat drängen sich die Schäflein aufgeregt vor der Kirche und warten auf die Busse, schwelgen in Erinnerungen an die ersten Auftritte der angehenden Sängerin: Gesangstunden für Marian, damit unser Volk eine Stimme hat. Die Busse füllen sich mit Gesang in allen Tonlagen. Die Sänger schmettern leidenschaftlich ihre Choräle, lassen sich hinreißen vom Rhythmus der Gospels. |
| Go down Moses, Mica Paris (2020) |
| Aufbrechen, das hat in der deutschen Sprache eine doppelte Bedeutung. Aufbrechen, das heißt zum einen losgehen, sich auf den Weg machen, etwas verlassen. Zugleich kehrt jemand, der aufbricht und etwas Neues wagt, das Unterste zuoberst – so wie jemand, der ein Feld pflügt oder neue Sprösslinge im Garten setzt, den Boden aufbricht. Aufbruch – das ist also die Bewegung nach vorn, und es ist ein Graben und Schürfen in die Tiefe, ein Neuanfang, bei dem nichts so bleibt, wie es war.
„Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?“, heißt es beim Propheten Jesaja im Alten Testament. Es ist das Versprechen, dass das Leben den Tod besiegen und etwas Hoffnungsvolles beginnen wird. Ostern 1939 in einem durch Rassentrennung gespaltenen Amerika, einem nationalsozialistisch regierten Deutschland, einer Welt kurz vor dem Abgrund des Zweiten Weltkriegs – doch an diesem Tag vor dem Lincoln-Denkmal will etwas aufbrechen: der Sieg von Gerechtigkeit, Freiheit, Friedfertigkeit. Es ist nur ein kurzer Moment, an dem sich das Neue, das Gute zeigt. Wir wissen, dass es immer wieder gefährdet war und auch künftig sein wird. „Erkennt ihr’s denn nicht“, das Neue?, hakt der Prophet Jesaja ungeduldig nach. Schaut doch mal richtig hin, hier grünt und sprießt es, aber ihr nehmt die Zeichen der Zeit nicht wahr! Und ihr nehmt die Aufgabe nicht an, vor die ihr gestellt seid. Aufbruch geschieht nicht von selbst. Zum Aufbrechen braucht man Mut und Entschlossenheit. Und immer wieder Mutmacherinnen und Mutmacher, die vorangehen. An diesem Tag ist es die Sängerin Marian Anderson. Heute sind es vielleicht Menschen wie der neue Bürgermeister von New York, die den Aufbruch wagen. Sie mögen von unterschiedlichem Geist getragen sein und für unterschiedliche Dinge kämpfen – ihre Motivation ist dieselbe: So wie es ist, kann es nicht weitergehen. „Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?“ |
| Delias Vater hätte es nicht genügt, wäre sie nur für schwarze Verhältnisse erfolgreich gewesen. Seine Erstgeborene – ein klügeres Baby hat’s nie gegeben, ob schwarz oder weiß – sollte die beachtlichen Höhen, die er selbst erklommen hatte, noch weit hinter sich lassen. Sie sollte Medizin studieren, wie er. Oder Jura. Sie könnte für den Kongress kandidieren. Sie könnte alles werden, wäre sie nicht so halsstarrig. „Wer soll uns denn voranbringen, wenn nicht die Beste von uns?“
Ohne sein grenzenloses Vertrauen hätte Delia nie angefangen zu singen. „Du kannst werden, was du willst. Tu, was du tun willst. Die sollen nur versuchen, dich aufzuhalten.“ Aber als er erfuhr, dass sie das Singen zum Beruf machen wollte, änderte sich sein Ton. „Singen ist ein hübscher Schnickschnack, der warten muss, bis man anständige Kleider hat. Kein Mensch hat je einen anderen mit einem Lied befreit.“ Delia hatte sich nicht beirren lassen und weiter gesungen. Die letzten zwei Jahre hat das Gesicht von Marian Anderson, ein gerahmtes Illustriertenbild, Delia von ihrem Schreibtisch aus angesehen, eine stille Erinnerung daran, was sich mit Gesang erreichen lässt. Nach diesem Vorbild, eingebrannt in ihrem Gedächtnis, hatte sie ihre eigene Mezzostimme geformt. Heute will sie noch einmal die Trägerin dieser Stimme leibhaftig sehen. Auf der Zugfahrt macht Delia ihre stillen Stimmübungen, formt in Gedanken die Tonfolgen. Sie lässt die Noten von Schuberts „Ave Maria“ Revue passieren, das auch für heute auf dem Programm steht. Wie fühlte sich das an, wenn der Ton frei auf der Luftsäule schwebte, wenn er darauf tanzte und der kleinsten Regung des Geistes folgte? Das Öffnen der Stimme, der Ansatz, aus all dem kann sie nicht halb so viel lernen wie aus dieser Fahrt nach Washington. Miss Anderson, das ist für sie die Freiheit. Jemand wie sie kann alles erreichen. Washington. Um Delia herum erwacht die Stadt zum Frühling. Die ganze Stadt ist ein Postkartenpanorama. Delia blickt auf das wogende Feld von Menschen. Sie drosselt ihr Tempo, als sie sich in die meilenlange Kolonne einreiht. Als seien alle, die jemals aus dem Süden geflohen waren, an diesem Tag zurückgekehrt. Und die Farbe dieser strömenden Menschenmasse? Sie schillert wie ein bis zum Horizont reichendes Band aus Samt. Nie zuvor ist Delia Teil einer Menschenmenge gewesen, in der die Hautfarben sich so unbekümmert mischten. Schwarz und Weiß sind in Massen gekommen, jeder hilft dem anderen, jeder wartet, dass ein Klang die Leere füllt, die er in seinem Inneren spürt. Niemand kann vertrieben werden vom unendlichen Parkett dieses Konzertsaals. Hier drängt etwas zum Leben, und was hier ungeduldig im Mutterschoß strampelt, ist größer als Musik. Etwas, wofür zwei Monate zuvor niemand auch nur einen Namen gehabt hätte, wird hier geboren, macht seine ersten, verblüfften Atemzüge. Delia taucht tiefer ein in den Strom, und ihre Kehle wird frei, die Beklemmung löst sich, wie ein Wimpel sich aufrollt. Das Öffnen der Stimme, das ihr Lehrer ihr schon seit Monaten beizubringen versucht. Eine Pforte tut sich auf, ein Gefühl durchströmt sie – und plötzlich weiß sie, dass sie die richtige Wahl getroffen hat. Die alten Fußfesseln fallen ab. Jetzt sind sie auf dem richtigen Weg, sie und ihr Volk. Beide werden sie erkennen, dass es nur eine Richtung gibt, und die ist vorwärts. Am liebsten würde sie einen Luftsprung machen und laut juchzen, wie so viele rundum es schon tun, ganz egal, was die Weißen dazu sagen. Das ist kein Konzert. Es ist ein Erweckungsgottesdienst, eine landesweite Taufe. |
| My Soul’s Been Anchored in the Lord · Marian Anderson The Very Best Of ℗ 2009 Master Classics Records Released on: 2009-09-01 |
| Ich erinnere mich an ein Bilderbuch, das ich meinen Kindern früher oft vorgelesen habe. Da ging es um ein Kind, das unbedingt die Rolle des Peter Pan in einer Klassenaufführung spielen wollte. Das Problem: Das Kind war erstens ein Mädchen und zweitens war es schwarz. Wie kann ein schwarzes Mädchen Peter Pan sein? Für Lehrerinnen und Mitschüler zunächst undenkbar. Aber die Mutter und Großmutter stärken Grace den Rücken. Ermutigt geht sie zurück in die Gruppe, und am Ende wird sie ein wunderbarer Peter Pan. „Erstaunliche Grace“ hieß das Buch.
„Du kannst werden, was du willst. Tu, was du willst.“ Auch der Vater von Delia ermutigt seine Tochter, ihr Talent zu entfalten – gegen allen Widerstand, gegen alle Wahrscheinlichkeit des Erfolgs. In meiner Familie gab es – vor allem in den Generationen vor mir – Menschen, die nicht werden durften, was sie angesichts ihrer Talente hätten werden können. Diese Erfahrung hat ihr Leben geprägt. Manchmal hat ihren Eltern schlicht die Einsicht gefehlt, dass Bildung der Weg in eine bessere Zukunft ist. Oft aber waren die Ursachen strukturell: etwa die Armut – Kinder mussten früh arbeiten, Schule, Ausbildung oder gar Studium waren ein unbezahlbarer Luxus. Für die Mädchen war der Weg ohnehin vorgezeichnet als Ehefrau und Mutter. Es lohnt sich, Menschen, die ihre Ziele im Leben gegen alle Wahrscheinlichkeit erreicht haben, danach zu befragen, was ihnen dabei geholfen hat. Fast immer kommt man dabei zu der Erkenntnis, dass sie Menschen getroffen haben, die an sie geglaubt und sie zur rechten Zeit ermutigt haben. Das gilt häufig für erfolgreiche Migrantinnen und Migranten, denen als Neuankömmlinge wenig zugetraut wurde. Beeindruckt hat mich auch der Musiker Felix Klieser, der ohne Arme geboren wurde und heute ein hervorragender Solist auf dem Horn ist. In einem Radiointerview hat er erzählt, dass seine Eltern ihn von Anfang an ermutigt und ihm gesagt haben: „Du kannst werden, was du willst.“ Ein Mensch kann sich entfalten, wenn andere an ihn glauben und ihn dabei ermutigen, an sich selbst zu glauben. Es ist die Kraft der Utopie, des Glaubens an das scheinbar Unmögliche, die dabei wirkt. Es ist dasselbe utopische Potenzial, das in der Religion steckt. An Gott zu glauben, heißt ja nicht mehr und nicht weniger als darauf zu vertrauen, dass es mehr als alles gibt – und dass alles möglich ist „dem, der da glaubt“, wie es beim Evangelisten Markus heißt (Mk 9,23). |
| Weit im Nordwesten ist ein Mann unterwegs zu Delia. Achtundzwanzig, aber sein zerfurchtes Gesicht wirkt ein ganzes Jahrzehnt älter. Die schiere Tatsache, dass er am Leben ist und etwas so Unerhörtes mit ansehen kann, spottet jeder Wahrscheinlichkeit.
Er kommt zu Fuß von Georgetown, wo zwei alte Freunde aus seinen Berliner Tagen ihn aufgenommen haben. Er ist am Vorabend mit dem Zug aus New York gekommen, wo er das vergangene Jahr im Schutze der Columbia-Universität verbracht hat. Gestern war David Strom noch in Flushing Meadows, wo die Weltausstellung Gestalt annimmt, „Die Welt von morgen“. Heute ist er zu einer Parade der Welt von gestern erwacht. Aber nun gibt es nur noch das eine, einzige Jetzt. Er will noch einmal die Sängerin hören, die es als einzige Amerikanerin mit den größten Europäern aufnehmen und mit ihrem Gesang das Gewebe von Raum und Zeit zerreißen kann. Mit jedem Schritt schiebt er die letzten vier Jahre zurück, legt den Tag wieder frei, an dem er diese unglaubliche Stimme zum ersten Mal hörte. Den Ton hat er noch so genau im Ohr, als lese er ihn von der Partitur: 1935, im Wiener Konzerthaus, wo Toscanini verkündete, dass es eine Stimme wie diese nur einmal alle hundert Jahre gebe. Marian Anderson sang Bach: „Komm, süßer Tod.“ Als sie an die zweite Strophe kam, war Strom bereit. |
| Komm, süsser Tod, BWV 478 (Recorded 1936) · Marian Anderson · Kosti Vehanen · Johann Sebastian Bach Marian Anderson in Song Vol. 2 ℗ 1998 Nimbus Records Limited Released on: 1998-01-01 |
| Heute ist Ostern, der Tag, an dem nach christlicher Vorstellung der Tod überwunden wurde. Bisher hat Strom, der Physiker, nur wenig Beweismaterial für diese Theorie gesehen. Für seine Begriffe sieht es eher so aus, als stünde dem Tod ein furioses Comeback bevor. Strom kann es sich nicht erklären, aber schon dreimal hat der Engel des Todes ihn verschont. Zuerst dass er, als das Beamtengesetz am Horizont erschien, seinem Mentor nach Wien gefolgt war und Berlin verlassen hatte, nur wenige Tage bevor der Reichstag brannte. Dann die Habilitation. Der Eindruck, den er auf der Tagung zur Quantenphysik in Basel gemacht hatte und der ihm eine Einladung nach Kopenhagen bescherte, wenige Monate bevor Wien sämtliche Juden aus der Fakultät entfernte. Und schließlich, vor gerade einmal einem Jahr, das Asyl in den Vereinigten Staaten. Dreimal, nach Davids eigener Zählung, hatte ihn ein Schicksal gerettet, das noch blinder schien als alle Theorie.
All das ist für ihn der Beweis für einen Riss im Raum-Zeit-Gefüge, den keine Theorie überbrücken kann. Vier Jahre zuvor hat er glücklich Konzerte in Europa besucht, als erklänge der ganze Kontinent noch in einer einzigen gemeinsamen Tonart. Jetzt, bei diesem neuerlichen Konzert, klingt nichts mehr wie es war. Zwischen Exposition und Reprise liegt eine quälende Durchführung, zerrissen, atonal, ungenießbar. Seine Eltern in Rotterdam versteckt. Seine Schwester mit ihrem Mann auf der Flucht. Und David ein Ausländer mit Bleiberecht im Land, wo Milch und Honig fließen. Strom biegt in die Virginia Avenue und erblickt die Menschenmassen. Die Mauer aus Menschen verschlägt ihm den Atem. Der Schimmer von Zehntausenden von Leibern, die Menschheit in ihre Atome gestalten. Die Unergründlichkeit der Physik wird zur Panik, und er ergreift die Flucht. Aber mehr als ein paar Dutzend Meter kann er nicht zurück, dann hört er wieder die Stimme in seinem Inneren: „Komm, süßer Tod.“ Er bleibt auf dem Bürgersteig stehen und lauscht. Was kann ihm die Auslöschung schon anhaben? Welch besserer Klang sollte ihm das Ende bringen? Er kehrt zurück zu der vorandrängenden Masse, macht sich die Panik in seiner Brust zunutze, wie es auch ein erfahrener Sänger getan hätte. Er atmet tief ein und stürzt sich in den Mahlstrom. Die geballte Faust in seinem Inneren löst sich, weicht einem Glücksgefühl. Keiner hält ihn an und will seinen Ausweis sehen. Keiner weiß, dass er Ausländer ist, Deutscher, Jude. Keiner nimmt überhaupt wahr, dass er da ist. Ein Fremder unter Fremden. |
| Manchmal wird gesagt, die Kirche solle sich ums „Eigentliche“ kümmern und sich bitte nicht zu politischen und gesellschaftlichen Fragen äußern. So funktioniert Kirche aber nicht. Es kann ihr nicht nur um das Seelenheil ihrer „Schäflein“ im Jenseits gehen – denn das Seelenheil ist eine überaus diesseitige Angelegenheit: Jede Demütigung, jede Diskriminierung beschädigt die Seele eines Menschen.
Die Forderung, Kirche solle sich aus Politik und Gesellschaft heraushalten, ist so alt wie die Bibel. Schon der Prophet Jesaja sah sich veranlasst zu mahnen, dass der Gottesdienst nicht losgelöst vom gesellschaftlichen Eintreten für Frieden und Gerechtigkeit gesehen werden kann. Wenn die Evangelien berichten, dass Jesus Ausgestoßene resozialisiert oder sich zu arbeitsrechtlichen und steuerpolitischen Fragen geäußert hat, dann hat er Politik gemacht. Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus und Rechtsextremismus vertragen sich nicht mit dem christlichen Menschenbild, wenn man die biblischen Texte ernst nimmt. Wer Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, Herkunft, Religion oder geschlechtlichen Identität abwertet und ausgrenzt, kann sich dabei nie und immer ernsthaft auf Jesus berufen. Sich umgekehrt einzusetzen für eine demokratische, freie, nicht-rassistische Gesellschaft, bedeutet, sich in Politik einzumischen. Jede Teilnahme an einer Demonstration gegen rechts muss mehr sein als ein einmaliges Bekenntnis. Sie muss Konsequenzen haben: etwa darin, welche Partei ich wähle, wie ich mich in meinem Bekanntenkreis über Migrationspolitik äußere, ob ich auch bei Gegenwind bei meiner Meinung zu einer offenen Gesellschaft bleibe. Zu den Bekenntnisgrundlagen der Evangelischen Kirche gehört die Barmer Theologische Erklärung des Jahres 1934. Sie legt fest, dass es zur Aufgabe der Kirche gehört, an „Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit“ zu erinnern und damit an die Verantwortung von „Regierenden und Regierten“. Das ist heute, angesichts des Aufstiegs rechter Ideologien und Regime weltweit, aktueller denn je. Es gilt Farbe zu bekennen, erst recht dann, wenn christliche Kreise mitmischen, wo eine Politik der Ausgrenzung entsteht. |
| Marian Anderson, He’s got the whole world in his hands |
| Die Angst, die Marian Anderson überkommt, hat nichts mit Lampenfieber zu tun. Sie hat im Laufe ihres Lebens zu hart an sich gearbeitet, um jetzt an ihren Fähigkeiten zu zweifeln. Die Musik wird vollkommen sein. Aber wie wird man sie aufnehmen? Vor ihr erstreckt sich ein Meer von Körpern, eine Armee von Seelen, soweit das Auge reicht.
Seit dem Tag, an dem die Idee Gestalt annahm, hat sie sich gegen diesen Auftritt gesträubt. Aber der Lauf der Geschichte lässt ihr keine Wahl. Sie steht nicht mehr nur für sich selbst. Die Sache hat sich ihrer angenommen und ihre Lieder in eine andere Tonart übertragen. Das eine Konservatorium, an dem sie sich vor langer Zeit beworben hatte, wies sie ohne eine Chance zum Vorsingen ab. Der einzige Kommentar zu ihren künstlerischen Fähigkeiten lautete: „Wir nehmen keine Farbigen.“ Seit ihrem sechsten Lebensjahr arbeitet sie an der Entwicklung einer Stimme, die sich nicht einfach mit den Worten „schwarzer Alt“ beschreiben lässt. Jetzt ist ganz Amerika auf den Beinen und will sie hören. Dafür hat das Verbot gesorgt. Von nun an wird Farbe immer das Leitmotiv ihres größten Triumphs sein, der Grund weswegen man sich ihrer erinnert, wenn ihre Stimme längst verhallt ist. Sie hat diesem Schicksal nichts entgegenzusetzen, nichts als den Klang ihrer Musik. Sie öffnet die bebenden Lippen und macht sich bereit, ihre Stimme ganz Farbe, das Einzige, wovon zu singen sich lohnt. Die gewaltige Menge, ihre Anziehungskraft, lässt den ersten Ton zerspringen. Das Tempo verlangsamt sich, von Allegro zu Andante zu Largo. Ihr Verstand arbeitet fieberhaft und teilt die Noten in der Einleitung ihres ersten Stücks; Achtel wird zu Viertel, Viertelnote zur halben, halbe Note zur ganzen, und die ganze Note unendlich. Tausende und Abertausende Gesichter recken sich ihr entgegen, Osterblumen, die das Vergangene hinter sich lassen wollen und die Frühlingssonne suchen. Die bis zu diesem Nachmittag in hoffnungsloser Hoffnung verharrten, drängen sich jetzt an den Ufern des Jordan. Ein mädchenhaft lyrischer Sopran in ihrem Inneren stimmt sein bestes Schutz- und Trutzlied an: When you see the world in fire, fare ye well, fare ye well. Wenn die Welt in Flammen steht, dann steh auf, dann steh auf. Sie greift zum Allheilmittel der bühnenerprobten Sängerin. Den Blick fest auf ein bestimmtes Gesicht gerichtet, die Menge auf eine einzelne Person reduzieren, eine Seele, die bei dir ist. Dann kann nichts passieren. Weit hinten in der Menge findet sie ihr Ziel, das Gesicht, für das sie singen wird. Ein junges Mädchen, das aussieht wie sie in jüngeren Jahren. Diese Seele erwidert ihren Blick. Das Mädchen beruhigt sie. Sie ruft sich noch einmal das nächste Lied ins Gedächtnis: „Lift every Voice and sing“. Einen Augenblick lang, hier, jetzt, an den Seiten der spiegelnden Wasserfläche, nimmt ein Staat Gestalt an, spontan, revolutionär, frei – eine Idee, eine ideale Nation, die ein paar Takte lang, zumindest im Lied, all das ist, was sie zu sein behauptet. Das ist der Ort, den ihre Stimme erschafft. |
| Lift every voice and sing
(Kim Weston 4’09“, Jazzmeia Horn 6’08“, Angela Davis 2‘08“) |
| Gott, lass uns nicht aufhören zu hoffen. Lass uns eintreten für eine gerechte, freie, demokratische Gesellschaft. Schärfe den Blick für die eigenen Privilegien, die mit der Ausgrenzung und Benachteiligung von anderen erkauft sind. Gott, lass uns nicht aufhören zu hoffen und selbst einzustehen für eine bessere Welt. |
| Lift every voice and sing |