Ostermontag 2026
Musik: At the Wadden Sea (Jan Simowitsch) aus dem Album Høyer
Text: Begrüßung
Liebe Hörerinnen und Hörer,
ich begrüße Sie herzlich zu dieser Morgenfeier am Ostermontag.
Heute nehme ich Sie mit auf eine Reise. Ganz weit in den Norden. Auf die Färöer-Inseln. Irgendwo im Nordatlantik, zwischen Norwegen und Island.
Wir reisen mit Jan Simowitsch. Kirchenmusiker, Poet, Autor.
Und am Anfang seiner Geschichte: ziemlich planlos.
Sein Job als Leiter des Popinstituts der Nordkirche ist gekündigt. Kein Plan B.
Und Plan A? Mit dem Fahrrad im April auf die Färöer-Inseln.
Ein Abenteuer? Vielleicht.
Jan nennt es: Und der Wal spuckt mich aus.
So heißt auch sein Buch, erschienen im September 2025.
Und Jan ist nicht nur Autor, sondern auch Komponist.
Das Stück, das Sie hören, stammt von ihm: At the Wadden Sea.
Gestern war Ostersonntag.
Vielleicht haben Sie etwas gespürt von dieser besonderen Hoffnung, die Ostern in sich trägt.
Die leise, aber kraftvolle Botschaft: Das Leben ist stärker als der Tod.
Jedes Jahr wieder.
Nach dunklen Monaten. Nach der Passionszeit. Nach der Karwoche.
Kommt Ostern oft genau im richtigen Moment.
Denn Krisen gehören dazu.
Alles infrage stellen. Den Boden unter den Füßen verlieren.
Und ich merke: Auch mitten im Leben kann ich ein Stück auferstehen.
Ich erlebe: Glaube kann in solchen Momenten helfen.
Er kann den Blick weiten.
Er kann tragen.
Und er kann Hoffnung im Leben wachhalten.
Denn manchmal reicht die große Hoffnung auf ein ewiges Leben nicht aus.
Nicht, wenn man knietief im Morast steckt. Wenn das Leben ins Wanken gerät.
Und alles ungewiss erscheint.
Dann braucht es etwas anderes:
Kleine Zeichen. Neue Blickwinkel.
Momente, die zeigen: Auch hier. Auch jetzt. Auferstehung ist möglich.
Denn manchmal beginnt ein neuer Weg genau dort, wo es keinen Ausweg mehr zu geben scheint.
Jan steht an so einem Punkt im Leben, als er seine Fahrradtaschen packt. Mit ganz viel Vorplanung – wenigstens das will er noch im Griff haben.
Und dann: zwei Tage auf einer Fähre. Vielleicht im Wal. Vielleicht auf den Schwingen eines Vogels. Wer weiß …
Jan Simowitsch – Blackbird’s Song
Musik: Blackbird’s Song (Jan Simowitsch) aus dem Album Høyer
Text : Intro
Jan Simowitsch lässt alles stehen und nimmt sein Fahrrad mit auf eine Fähre zu den Färöer-Inseln. Aber warum denn bloß?
Lesung aus dem Buch (gelesen von Jan Simowitsch )
Bevor mich der Wal ausspuckt, stellt sich wohl die Frage: Wie bin ich da bloß reingeraten. Man wird ja selten zufällig verschluckt. Oder kennst du irgendwen, der vom Wal shanghait worden ist? In der Geschichte von Jona war das Ganze ja auch eher so eine Art Notausgang.
Zuerst hat Jona keinen Bock mehr, weil ihn in der Stadt alles kaputt macht und der Druck von oben nicht nachlässt. Dann flieht er mit einem Schiff so weit weg, wie es nur geht, und wird mitten auf dem Ozean von der Crew ins Meer geworfen. Der Maat lässt sich später wie folgt zitieren: »Es war stürmisch und irgendwer musste ja die Schuld für das Unwetter haben. Also ab ins Meer mit ihm.«
Und tiefer kannst du kaum fallen. Da darfst du dich glücklich schätzen, wenn in dieser Situation ein großer Wal vorbeikommt. Und dann wirst du nicht Nein sagen, wenn er dich aus der kalten See einsammelt und dir seinen warmen Bauch als Zuhause anbietet.
Klar, so eine Fahrt im Bauch eines Wals ist eine ziemlich wacklige Angelegenheit. Du siehst nichts und hängst lange Zeit nur mit dir ab, bis die Selbstgespräche zum Beat der Wellen zu flowen beginnen. Und dann fließt es aus dir heraus: Alles, was dich in den letzten Jahren so schwer gemacht hat, muss raus. […]“
Musik: Piteraq (Jan Simowitsch) aus dem Album Piteraq
Text: Der Walbauch als Zwischenraum
Jan schreibt: „Man wird nicht zufällig verschluckt.“
Dieser Satz bleibt hängen.
Er greift die alte Geschichte von Jona auf.
Jona – einer, der nicht mehr kann.
Der raus will aus dem, was ihn einengt.
Der spürt: So geht es nicht weiter.
Und dann: Sturm.
Kontrollverlust.
Absturz.
Kennen Sie das auch?
Das Gefühl, wenn plötzlich etwas kippt.
Ein Gespräch, das eskaliert.
Eine Diagnose, die alles verändert.
Ein Job, der wegbricht.
Oder einfach dieses leise Gefühl: Ich halte das hier nicht mehr aus.
Vielleicht kennen Sie solche Zeiten.
Tage oder Wochen, in denen nichts mehr geht.
In denen man feststeckt.
Im eigenen Leben. In Gedanken, die sich im Kreis drehen.
In Fragen, auf die es keine schnellen Antworten gibt.
Und man spürt: tiefer geht es kaum.
Und genau dort, am Tiefpunkt, passiert etwas Merkwürdiges: der Wal.
Er passiert Jona, er passiert Jan.
Der Walbauch – ein Ort, der eigentlich für das Ende steht, wird plötzlich zum Schutzraum.
Dunkel. Eng. Abgeschnitten von allem.
Ein Zwischenraum.
Im Bauch des Wals gibt es kein Vor und kein Zurück.
Keine Ablenkung.
Kein „Ich regel das schon“.
Nur dieses Ausgeliefertsein.
Und die Begegnung mit mir selbst.
Die Welt draußen läuft weiter – aber ich selbst komme nicht hinterher.
Der Walbauch ist kein schöner Ort.
Aber er ist ein ehrlicher Ort.
Hier kommt alles an die Oberfläche.
Die Angst.
Die Enttäuschung.
Die Dinge, die man lange weggeschoben hat.
Und so unbequem es auch ist, diese Begegnungen mit einem selbst können lebensrettend sein.
Denn auch darin liegt eine leise Hoffnung:
Dass etwas ans Licht darf, bevor es neu werden kann.
Dass man nicht einfach weitermachen muss wie bisher.
Dass in dieser Dunkelheit etwas reift.
Auch die Ostergeschichte kennt diesen Zwischenraum.
Den Karsamstag.
Der Tag dazwischen.
Alles ist geschehen – aber noch nichts ist gut.
Stille. Warten. Aushalten.
Vielleicht ist genau das die schwerste Zeit.
Nicht der Sturm.
Nicht der Absturz.
Sondern dieses Dazwischen.
Musik: Ublormiut (Jan Simotisch) aus dem Album Piteraq
Text: Hoffnungsschimmer mitten im Leben
Jan ist im Dazwischen. Zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Erinnern und Träumen.
Der Bauch des Wals ist mal ein hoher Berg, mal eine Campingplatzküche, mal ein Schwimmbad.
In einem dieser Schwimmbäder trifft er eine Frau, die ihn direkt erkennt.
Denn, dass einer verrückt genug ist, im April mit dem Fahrrad auf den Inseln zu reisen – das spricht sich rum!
Die Wettervorhersage für die Nacht ist mies.
Es soll stürmen und stark regnen.
Und Jan ahnt: diese Nacht im Zelt wird hart.
Da hält ein Auto neben ihm.
Es ist die Frau aus dem Schwimmbad – und ihre Mutter. Fenster runter – eine kurze Frage: „Willst du heute Nacht wirklich draußen schlafen?“
Unverhofft öffnet sich eine Tür.
Schneller, als er nachdenken kann, sagt Jan: Ja.
Ein fremdes Zuhause. Ein freies Zimmer.
Eine einfache Einladung: Fühl dich wie zu Hause.
Ein paar Minuten später hat er die Adresse auf dem Handy und die Aussicht auf einen Zufluchtsort inmitten des aufziehenden Sturms.
Am Abend steht er vor der Tür.
Einfach reingehen, hat sie gesagt.
Er zögert. Es fühlt sich seltsam an – so verboten, obwohl es erlaubt ist.
Er ruft in die Stille. Keine Antwort.
Und doch ist da plötzlich dieses Gefühl: Ich bin hier richtig.
Und dann passiert etwas Entscheidendes: Jan vertraut.
Er lässt sich tragen – vom Vertrauen anderer.
Von Menschen, die sagen: Du bist willkommen, auch wenn wir dich kaum kennen.
Du darfst hier sein.
Ist das nicht ein kleines Osterwunder?
Mitten im Alltag.
Kein großes Halleluja.
Aber eine offene Tür.
Ein sicherer Hafen mitten im Sturm.
Jan erlebt das, weil er den Blick hebt – und Menschen begegnet.
Vielleicht ist das die leise Form von Auferstehung, die wir heute brauchen:
Dass wir einander Räume öffnen.
Dass wir Vertrauen wagen.
Ein Bett statt eines Zelts.
Ein Zuhause für eine Nacht.
Ein Moment, der sagt:
Du bist nicht allein.
Hebe deine Augen auf, Mensch:
Da beginnt neues Leben – hier und jetzt.
Musik: Hebe deine Augen auf (Felix Mendelsohn, Sandefjord Jentekor, Sverre Valen)
Text: Schluss
Wenn Jan Simowitsch die Augen hebt, sieht er: viele Berge und das schäumende Meer. Er sieht sieht neue Freundschaften am Horizont und Orte für Seine Kunst. Wenn er den Blick hebt, spürt er den Hoffnungsschimmer, der in den Worten von Psalm 121 liegt: „Meine Hilfe kommt von Gott, der Himmel und Erde gemacht hat.“
Musik: Land in Sicht (Ton Stein Scherben)
Das Grab ist leer – heißt es an Ostern.
Das Leben hat gewonnen.
Aber dieses neue Leben zeigt sich oft ganz leise.
In solchen Momenten.
In diesem Hoffnungsglitzern, das plötzlich da ist.
Unerwartet. Unverdient. Und doch ganz real.
Hebe deine Augen auf.
Sieh die Spur von Ostern in deinem Alltag.
Wo Menschen einander Raum geben.
Wo Vertrauen stärker ist als Angst.
Wo wir einander ein Stück Zuhause schenken – selbst wenn es nur für eine Nacht ist.
Vielleicht entdecken Sie heute genau das:
einen kleinen Anfang.
eine offene Tür.
einen Menschen mit großen Herzen.
Oder Sie sind selbst dieser Mensch für jemand anderen.
Dann geschieht Auferstehung.
Mitten im Leben.
Da ruft es leise doch bestimmt: Land in Sicht.
Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Osterfest.