Name
Ich heiße Christine. Seit fast 30 Jahren trage ich diesen Namen. Fast wäre ich keine Christine geworden. Meine Mutter hatte in der Schwangerschaft eigentlich einen anderen Namen für mich ausgesucht: Marilu. Meinen Vater riss der Name nicht vom Hocker – und so einigten sich meine Eltern schließlich auf Christine.
Ich mag meinen Namen und habe mir nie Gedanken darüber gemacht, wie es wohl gewesen wäre, anders zu heißen. Bis ich vor kurzem das Buch „Die Namen“ las. Die Autorin Florence Knapp erzählt die Geschichte derselben Familie dreimal. Abhängig davon, welchen Namen die Mutter ihrem Sohn gibt, entwickeln sich die Leben aller Familienmitglieder unterschiedlich.
Seitdem stelle ich mir die Frage: Wie wäre das in meinem Fall gewesen? Wer wäre Marilu heute? Wäre mein Leben mit einem anderen Namen dasselbe? Eigentlich ist ein Name ja nur so etwas wie ein Platzhalter, ein Wort, das einen Menschen ansprechbar oder identifizierbar macht und nicht bestimmt, wer wir letztendlich sind. Und dennoch halte ich es für möglich, dass die Entscheidung für einen bestimmten Namen einen Menschen für immer prägen kann.
Als „Marilu“: Wäre Ich dieselbe? Hätten meine Eltern mich anders erzogen, wenn meine Mutter ihren Wunsch durchgesetzt hätte? Wären mir Menschen im Verlauf meines Lebens anders begegnet.
Ich weiß, ich werde auf diese Fragen keine Antwort finden. Aber seit mir bewusst ist, dass unsere Namen – so selbstverständlich sie für uns sind – vielleicht den Verlauf unseres Lebens ändern oder sogar vorherbestimmen können – das macht mich demütig.