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Kristallnaach

„Et riesch no Kristallnaach“, „Es riecht nach Kristallnacht“ singt
die Kölner Band „Bap“ seit 1982 bei jedem Konzert.
In der Reichspogromnacht, wie man die Kristallnacht heute
richtigerweise nennt, brannten heute vor 80 Jahren in Deutschland
die Synagogen, wurden Geschäfte jüdischer Mitbürger zerstört
und geplündert. Tausende jüdischer Menschen wurden beleidigt,
bespuckt und viele tot geschlagen.

Kristallnaach – als das Lied 1982 herauskam, waren die
alljährlichen Gedenkveranstaltungen am 9. November zumindest
in der Gefahr, zum leeren Ritual zu verkommen. Natürlich waren
da das Entsetzen und die Scham über Hass und entfesselte
Gewalt; über Pogrome und Holocaust. Klar, Gedenken ist richtig
und natürlich wollen wir keine Schlussstrich-Debatte. Und doch:
Zumindest gefühlt lag das doch hinter uns. Das Land war liberal
geworden und wurde immer liberaler. Dass „täglich
Kristallnacht“ ist, wie Bap singt - das war doch vor diesem
Hintergrund deutlich übertrieben. Oder?

In Deutschland werden im Schnitt vier antisemitische Straftaten
täglich registriert. Die Dunkelziffer dürfte sehr viel höher liegen.
Schändung jüdischer Gräber, Beschmieren jüdischer
Einrichtungen mit Nazisymbolen, Angriffe auf jüdische Lokale,
Beleidigungen, körperliche Gewalt gegen Juden – es passiert
jeden Tag.

„Es riecht nach Kristallnacht (…) und dann rettet keine
Kavallerie, kein Zorro kümmert sich da drum“, heißt es im Lied.
Und das stimmt nicht. Wir sind die Kavallerie. Jeder, der über
Hass und Gewalt gegen Menschen nicht hinwegsieht, ist Zorro.
Und wir sind viele. Eine Zeitlang hat sich unsere Gesellschaft vor
den Hasspredigern geduckt, wie das Kaninchen vor der Schlange.
Aber die Starre hat sich gelöst. Die Menschen stehen auf gegen
Hass und Gewalt.

Es riecht nach Kristallnacht? Nicht, wenn wir es nicht zulassen.
Ich bin da voller Hoffnung.