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In Erwartung

Gefühlt warte ich viel zu oft. Ich warte beim Arzt, auf den Bus oder vor der Kino­kasse. Vom Bahnsteig will ich lieber schweigen. Wieviel Zeit der Mensch wohl über sein ganzes Leben mit Warten verschenkt? Das zu erfahren wäre spannend, steckt doch in jedem Warten eine noch unerfüllte Hoff­nung.

Ich zweifle aber, dass man einen Art Lebens-Wartezeit überhaupt berechnen kann. War­ten ist selten ohne anderes Tun – und damit alles andere als verschenkt.

Wenn ich mir einen Tee zubereite, dann reihe ich gleich drei Wartezeiten anei­nan­der: erhitzen, ziehen lassen, abkühlen. Und alle drei sind meine Pause.

Werdende Eltern „in freudiger Erwartung“ erleben eine der intensivsten und schönsten Phasen ihres Lebens – während sie warten.

Wenn ich Warten nur als Verlust empfinde, dann vergesse ich: Wartezeit ist Le­ben. Und Le­ben geschieht fast immer in Erwartung. „Schon jetzt“ und „noch nicht“ gehören zusammen.

Das wurde mir neulich neu bewusst – im Centre Pompidou in Metz. Der italienische Künstler Maurizio Cattelan hat dort eine Ausstellung gestaltet. Darin setzt er dem Warten ein kleines Denkmal.

In eine riesige Wand hat Cattelan zwei Fahrstuhltüren eingebaut. Die beiden Türen sehen aus wie ganz normale Aufzüge: Stahlblech, Leuchtanzeigen, zwei Türhälften, die sich zur Seite öffnen. Und dahinter fällt der Blick in eine hell erleuchtete Kabine. Nur sind diese Fahrstuhltüren gerade einmal 30 cm hoch – winzig, gemessen an der Höhe der Wand. Ich setze mich auf den Bo­den, um sie zu be­trachten.

Doch da schließt sich schon die linke Tür, und kurz darauf springen Leuchtzahlen auf zwei, drei, vier und immer weiter. In Gedanken fahre ich mit und ahne zugleich: Dieser Lift ist wahrscheinlich nur eine Attrappe. Aber das springende Licht lässt mich glauben, dass die kleine Kabine wirklich unterwegs ist. Und während ich dem linken Fahrstuhl folge, öffnet sich die Tür des rechten.

Minutenlang betrachte ich das Spiel der Lichter. Ich ärgere mich, wenn sie an der Eins vorbeifahren und bin erfreut, wenn sich wieder eine Türe öffnet. Faszinierend! Vor einem Fahrstuhl, den es vermutlich gar nicht gibt, warte ich auf etwas, das nicht passieren wird, und meine Fantasie malt sich aus, wohin ich fahren könnte.

Warum fürchte ich mich vor einer Reise in den Keller? Welche Verluste warten dort auf mich? Und worauf hoffe ich im nächsten Stockwerk? Was will ich noch erleben?

Gibt es Hoffnung, dass mein Warten eines Tages zur Ruhe kommen könnte? Oder entpuppt sich meine Sehnsucht als endlose Ungeduld auf immer neue Etagen?

Sollte ich nicht langsam aufstehen? Verschenke ich diesen Augenblick? Oder bin ich gerade jetzt, indem ich warte, lebendig wie sonst kaum?

„Schon jetzt“ und „noch nicht“, so würde ich auch mein Warten als Christ beschreiben. Wenn Jesus von der Zukunft gesprochen hat, dann immer auch als Nach­richt für die Gegenwart.

Schon jetzt kann ich staunen über Momente, die gerecht und liebevoll und gut sind. Schon jetzt kann ich Gottes Dasein spüren. Das heißt in der Bibel: Das Reich Gottes.

Zugleich erzählen Enttäuschungen, Angst, Schmerz und viele unerfüllte Hoff­nungen, dass da noch Neues auf mich wartet. Es ist noch nicht da. Ich darf aber glauben, dass der Lift dorthin schon unterwegs ist.

Schon jetzt und noch nicht – wahrscheinlich ist der kleine Fahrstuhl nur eine Attrappe. Mein Hoffnungsmoment davor aber ist ganz real. Es tut gut, das Warten als Lebenszeit zu schät­zen und zugleich vom Leben noch ganz Neues zu erwarten.

Schon jetzt und noch nicht. Die beiden nehmen sich nichts. Die Hoffnung auf morgen entwertet mir nicht den Augenblick. Und der Augenblick – ob schön oder verschenkt – verstellt mir nicht den Sinn für einen Gott, der mir entgegenkommt. So gesehen warte ich viel zu selten.