Gute Vorsätze
Ich habe mich schon eine ganze Weile davor gefürchtet – und letzte Woche, da ist es passiert. Als das Telefon geklingelt hat, hatte ich schon so ein flaues Gefühl im Bauch. Ich habe abgenommen, und da hat mir meine Freundin die Frage aller Fragen gestellt: „Ich weiß, es ist erst Mitte Oktober – aber sag mal, was machst du eigentlich an Sylvester?“
Sylvester. Das ist mein eigener, kleiner, ganz persönlicher Stresstest. Nicht, weil Freunde und Familie zu Besuch kommen. Nicht, weil es wieder mal Raclette gibt oder wegen der ewigen Diskussion um’s Böllern. Sondern weil Sylvester für mich der Tag ist, an dem ich um’s Bilanzziehen nicht mehr herumkomme. Was habe ich mit dem Jahr angefangen? Was war gut? Und was hab‘ ich (mal wieder) nicht geschafft?
Bilanzziehen macht oft keinen Spaß. Und die Liste von Dingen, die ich nicht geschafft habe, die wird jedes Jahr länger. Und dann kommen sie, die neuen Vorsätze. „Neues Jahr, neues Ich“. „Dieses Mal, da schaff ich das“. Mehr Sport und endlich abnehmen. Und Geld sparen. Und im Job aus dem Quark kommen. Und mit dem Rauchen aufhören. Und, und, und.
Aber ich muss ja auch nicht alles am ersten Januar schaffen. Eines nach dem anderen. Alles zu seiner Zeit. So ein Jahr ist ja lang. Zumindest denke ich das, bis dann wieder dieser Anruf kommt. „Sag mal, was machst du eigentlich an Sylvester?“ Und dann merke ich, dass das Jahr schon wieder fast rum ist. Und dass meine Bilanz mir wohl wieder ganz und gar nicht gefallen wird.
In der Bibel wird die Geschichte von Zachäus, dem Zöllner erzählt. Ein kleiner Gauner, der den Leuten immer mehr abnimmt, als er eigentlich sollte, damit auch genug bei ihm hängen bleibt. Zumindest bis zu diesem einen Tag, an dem er auf Jesus trifft. Da wird mit einer Begegnung plötzlich alles anders, und Zachäus verspricht: „Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.“ Zachäus, das leuchtende biblische Beispiel von Umkehr und guten Vorsätzen. Und ein Beispiel von einem, der sein Vorhaben auch wirklich durchgezogen hat. – Oder?
Das ist gar nicht so sicher. Wie es mit Zachäus weitergeht, das verrät uns die Bibel nämlich gar nicht. Hat er sein Versprechen am Ende wirklich halten können? Wie soll er auch jeden einzelnen Menschen finden, den er betrogen hat? Und kann er überhaupt so viel Geld haben, um alles vierfach zurückzuzahlen – vor allem, wenn er die Hälfte schon den Armen gespendet haben soll? Je länger ich darüber nachdenke, desto unwahrscheinlicher klingt das. Waren es am Ende doch bloß „gute Vorsätze“, die er am nächsten Tag sowieso schon wieder vergessen hat?
Ich glaube Jesus wusste, dass das wahrscheinlich nicht ganz so hinhaut, was sich der Zachäus da vorgenommen hat. Aber er nimmt es ihm nicht übel. Auch Jesus ist Mensch und weiß, dass Konsequenz und Disziplin nicht unbedingt unsere größten Stärken sind. Aber wenn wir das, was wir uns vornehmen, meistens doch nicht schaffen – was ist dann am Ende so ein guter Vorsatz überhaupt noch wert?
Ich glaube, dass es genau auf den ankommt – auf das Vorhaben. Auf das Einsehen, das Wollen, das immer wieder Versuchen. Und wenn es nicht klappt, dann versuchen wir es einfach wieder. Und wieder. Jedes Jahr, Jeden Tag. Jedes Mal. Und wer weiß, vielleicht schaffen wir es ja eines Tages doch noch.
Liebe Hörerinnen und Hörer – was machen Sie eigentlich an Sylvester? Ach, für Sie ist es noch zu früh zum planen? Ja, das mag sein. Aber wie schaut es denn mit Ihren guten Vorsätzen aus? Wenn bis Sylvester noch so viel Zeit ist, vielleicht ist dann auch noch genug Zeit, den einen oder anderen Vorsatz doch noch in Angriff zu nehmen.