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Geh behütet. Morgenfeier zum Reformationstag

MUSIK 1: Jack Johnson, „Constellations“, aus: „In Between Dreams“, 2005

 

AUTOR: Abend an der Haustür

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer. Mit „Constellations“ von Jack Johnson grüße ich Sie zu dieser Morgenfeier am Reformationstag. Schön, dass Sie dabei sind.

Jack Johnson ist auf Hawaii groß geworden, an der Nordküste von Oahu. Sein Vater war ein bekannter Surfer. Das Lied ist entstanden, als er bei Sonnenuntergang in Kalifornien auf dem Longboard unterwegs war. Es erzählt von einem Abend am Meer. Das Licht verschwindet im Westen. Kinder lachen und lassen Steine übers Wasser hüpfen. Man liegt unter den Sternen und hört sich die Geschichten an, die am Himmel stehen. Und irgendwann merkt man: Es wird spät.

Für mich klingt es nach dem Moment, kurz bevor alle nach Hause gehen. Und wenn bei uns jemand geht, fällt immer derselbe Satz. Meine Mutter sagt ihn, seit ich denken kann. Jedes Mal. Manchmal zweimal. Ob ich nur zum Bäcker fahre oder in den Urlaub: „Fahr vorsichtig.“ Und hinterher will sie wissen, ob wir gut angekommen sind.

Ich bin längst erwachsen. Ich habe selbst Kinder. Sie sagt es trotzdem. Ohne den Satz wäre ihre Sorge größer, glaube ich. Er ist wie ein kleiner Zauberspruch gegen alles, was auf der Straße passieren kann. Und ich freue mich jedes Mal darüber. Denn darin steckt: Du bist mir wichtig. Komm heil an. Wir haben viele solche Sätze. „Komm gut heim.“ „Meld dich, wenn du da bist.“ Sogar das kleine „Tschüss“ gehört dazu. Es kommt vom französischen „adieu“, wörtlich: zu Gott. Gemeint war: Gott befohlen. Wer „Tschüss“ sagt, gibt einen Segen mit. Meistens, ohne es zu merken.

Heute ist Reformationstag. Viele denken an Martin Luther und an eine Kirchentür in Wittenberg. Ich denke heute an eine andere Tür. An die Haustür. An die Sätze, die wir einander hinterherrufen, wenn jemand geht: Fahr vorsichtig. Pass auf dich auf. Bleib behütet.

Seit ein paar Wochen stehe ich jeden Morgen an einer neuen Tür. Wir sind umgezogen, und meine Kinder gehen in eine neue Kita. Sie machen das großartig. Alles ist neu, und man merkt, dass sie ein bisschen unsicher sind. Aber sie sind offen. Vertrauensvoll. Und lustig. Sie weinen nicht, wenn ich gehe. Und trotzdem passiert an der Tür etwas mit mir. Da ist Stolz. Und gleichzeitig der Wunsch, einfach mitzugehen. Den ganzen Tag neben ihnen zu sein. Das kann ich nicht. Die Kita ist großartig. Aber meine Kinder werden Dinge erleben, die nicht schön sind. So ist das Leben. Und ich werde nicht immer daneben stehen.

Dota Kehr ist Liedermacherin aus Berlin. Auf zwei Alben hat sie Gedichte von Mascha Kaléko vertont. Eines heißt: „Einem Kinde im Dunkeln“.

 

MUSIK 2: Dota feat. Alin Coen, „Einem Kinde im Dunkeln“, aus: „Kaléko“, 2020

 

AUTOR: Angesehen werden

Fahr vorsichtig. Pass auf dich auf. Bleib behütet.

Mascha Kaléko hat im Berlin der zwanziger und dreißiger Jahre geschrieben. Gedichte über den Alltag, frech und zärtlich. 1938 musste sie als Jüdin fliehen. Mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn ging sie nach New York, später nach Jerusalem. In ihrem Gedicht nimmt jemand am Abend die Hand eines Kindes, damit es mit seiner Angst vor dem Dunkel nicht allein ist. Draußen geht der Tag zur Ruhe, die ersten Sterne kommen, und ein Engel spielt mit dem Mond. Ich höre das und denke an die Kita-Tür. Da mache ich jeden Morgen das Gegenteil. Ich lasse die kleine Hand los. Mascha Kaléko hat ihr Kind durch Flucht und Fremde gebracht. Und sie musste es überleben. Ihr Sohn starb mit Anfang dreißig. Ich kann meine Kinder nicht vor allem bewahren. Das ist der Satz, den ich an der Kita-Tür jeden Morgen neu lerne. Loslassen gehört zur Liebe. Sie sollen ihre eigenen Erfahrungen machen. Und ich will da sein, wenn es nicht gut läuft. Mit aushalten. Trösten.

Die Bibel hat dafür ein Bild, das ich sehr mag. Im Buch Jesaja sagt Gott: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Da steht nicht: Ich sorge dafür, dass euch nichts passiert. Da steht: Ich tröste euch, wenn es passiert.

Wenn ich meine Kinder an der Tür ansehe, sehe ich alles gleichzeitig. Wie klein sie sind und wie mutig. Was sie schon können und was noch nicht. Und ich habe sie lieb. Egal, was sie heute tun. Egal, wie groß ihre Schritte einmal werden. Schule. Eine eigene Wohnung. Vielleicht eigene Kinder. Diese Verbindung will ich nie verlieren.

Im alten Segen heißt es: „Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir.“ Ich glaube, so ist das gemeint. Gott sieht mich an wie ich meine Kinder an der Kita-Tür. Mit Stolz. Mit Sorge. Und mit einer Liebe, die nicht davon abhängt, wie der Tag läuft. Ich weiß nicht, wie oft Sie in Ihrem Leben so angesehen worden sind. Vielleicht viel zu selten.

Das nächste Lied ist von Danger Dan, er ist eigentlich Rapper. Hier sitzt er allein am Klavier.

 

MUSIK 3: Danger Dan, „Eine gute Nachricht“, aus: „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“, 2021

 

AUTOR: Trost statt Drohung

Fahr vorsichtig. Pass auf dich auf. Bleib behütet.

Danger Dan heißt eigentlich Daniel Pongratz und rappt sonst mit der Antilopen Gang. 2021 hat er ein Album nur mit Klavier aufgenommen. Er hat eine schlechte und eine gute Nachricht. Die schlechte: Wir werden zu Staub. Irgendwann verglüht sogar die Erde. Die gute: heute nicht. Es bleibt noch Zeit für uns zwei. Ein Liebeslied über das Ende, das noch nicht da ist. Mittendrin steht eine Zeile, bei der ich als Pfarrer stutze. Er warnt vor Predigern, egal welcher Sorte, die mit der Hölle drohen. Weil sie den Menschen mehr Angst machen, als dass sie trösten.

Ich finde: Er hat recht. Martin Luther ist an genau dieser Angst fast zerbrochen. Er hatte Angst vor Gott. Ob er genug tut. Genug betet. Genug bereut. Ob Gott ihn überhaupt ansehen will. Die Reformation begann mit der Entdeckung, dass es andersherum ist. Gott droht nicht. Gott schenkt. Er ist mir zugewandt, bevor ich irgendetwas richtig gemacht habe. Luther hat dafür einen alten Segen ans Ende des Gottesdienstes gestellt. Er stammt aus dem vierten Buch Mose. Ein jüdischer Priestersegen. Luther meinte, so habe auch Jesus seine Freund*innen gesegnet, als er sich von ihnen verabschiedete. Seit 500 Jahren endet so fast jeder evangelische Gottesdienst:

Der HERR segne dich und behüte dich;
der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

Das letzte Wort ist keine Mahnung. Kein „Seht zu, dass ihr…“. Es ist eine Zusage. Du gehst nicht ohne Segen. „Der Herr sei dir gnädig“, heißt es darin. Gnädig heißt: Du musst dir das nicht verdienen. Du kannst es auch nicht verspielen. Danger Dan singt: heute nicht. Es bleibt noch Zeit für Freude und Freiheit Zeit zu feiern und zu lieben und zu leben.

Vor über fünfzig Jahren hat ein junger englischer Pianist ein Lied herausgebracht, das zuerst kaum jemand hören wollte. Dann hat es Aretha Franklin gesungen.

 

MUSIK 4: Aretha Franklin, „Border Song (Holy Moses)“, aus: „Young, Gifted and Black“, 1972

 

AUTOR: Der letzte Vers

Geschrieben haben das Lied Elton John und sein Texter Bernie Taupin, 1970. Taupin kam vom Land nach London und wurde dort kühl empfangen. Davon erzählen die ersten Strophen. Einer fühlt sich ausgestoßen. Getäuscht. Er will zurück an die Grenze, dorthin, wo er hingehört. Die letzte Strophe hat Elton John selbst geschrieben. Er hat Taupins Schluss gestrichen und eine Bitte darunter gesetzt: Lasst uns in Frieden leben. Der Mann da drüben ist mein Bruder, egal welche Hautfarbe er hat. Taupin hat später gesagt: Erst diese Strophe hat das Ganze ins rechte Licht gerückt. Den letzten Vers schreibt ein anderer. So ist Segen. Ich habe nicht das letzte Wort über mein Leben. Nicht über die Kränkungen. Nicht über das, was schiefgegangen ist. Ein anderer spricht es mir zu. Und es heißt: Frieden. Jede Strophe beginnt mit „Holy Moses“. Tatsächlich hat Mose den Segen zuerst bekommen. Im vierten Buch Mose sagt Gott zu ihm: Sag Aaron und seinen Söhnen, so sollen sie die Menschen segnen. Und Gott sagt dazu, was dabei geschieht: Sie legen meinen Namen auf die Menschen, und ich will sie segnen. Einen Namen auf jemanden legen. Wie eine Hand auf die Schulter.

Vor einiger Zeit habe ich einen alten Herrn aus einer russlandsdeutschen Familie beerdigt. Die Familie hat mir erzählt: Bei jedem Abschied hatte er einen Satz. „S Bogom.“ Das ist Russisch und heißt: mit Gott. Bei jeder Reise. Bei jedem Weg ins Krankenhaus. An jeder Schwelle. Und als es ans Sterben ging, galt dieser Satz auch. S Bogom. Mit Gott. Das ist etwas anderes als „Fahr vorsichtig“. „Fahr vorsichtig“ sagt: Du musst aufpassen. „S Bogom“ sagt: Du bist nicht allein unterwegs. Der eine Satz will festhalten, was wir nicht in der Hand haben. Der andere gibt es aus der Hand. Ein Segen garantiert nicht, dass alles gut geht. Auch er ist gestorben. Aber nicht ohne Gott. In der Trauerfeier habe ich gesagt: Sogar über den Tod hinaus. Mit Gott.

„Fahr vorsichtig“, sagt meine Mutter. „Pass auf dich auf“, sagen wir einander. „Bleib behütet“, sagt Gott.

Zum Schluss singt ein Vater seinem Kind einen Segen. Bob Dylan hat „Forever Young“ für eines seiner Kinder geschrieben. Das Lied beginnt fast wörtlich mit dem alten Segen aus dem vierten Buch Mose. Schön, dass Sie dabei waren! Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Reformationstag. Gehen Sie behütet.

 

MUSIK 5: Bob Dylan, „Forever Young“, aus: „Planet Waves“, 1974