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Gänsehaut auf den Schienbeinen

Ich liebe elektronische Musik. Ich mag es, wenn es dunkel, laut und voll ist. Wenn die Bässe wummern, alle sich auf der Tanzfläche bewegen und für ein paar Stunden alles andere vergessen. Wenn es gut ist, bekomme ich Gänsehaut. Wenn es richtig gut ist, sogar auf den Schienbeinen.

An diesem Tag bin ich mit einem Team der evangelischen Kirche auf einem großen Jahrmarkt unterwegs. Wir kommen mit Menschen ins Gespräch, hören zu und bieten ihnen einen Segen an. Wir haben Neon-Armbänder dabei. Viele bleiben stehen. Erzählen, fragen. Alle nehmen etwas mit. Ein Armband. Ein Lächeln. Einen Segen. Gänsehautmomente.

Als wir später fertig sind, ziehen ein paar Freundinnen und ich weiter – in einen Club. Elektronische Musik, volle Tanzfläche, Schwarzlicht. Die Luft ist warm, ich spüre den Bass in mir. Die Menschen rücken eng zusammen, weil kaum Platz ist.

Plötzlich zeigt jemand auf unsere leuchtenden Armbänder und fragt: „Seid ihr ein Junggesellinnenabschied?“

Ich lache. „Nein, wir sind von der Kirche.“

Erst schaut er irritiert, dann neugierig. Also erzähle ich ihm– so gut es eben geht bei der Lautstärke – von unserm Tag. Von den Menschen, denen wir begegnet sind. Von den Gesprächen. Und vom Segen, den wir verschenken durften.

Ich habe noch ein Armband in der Tasche und frage: „Möchtest du auch einen Segen?“

Er überlegt kurz. Dann sagt er: „Warum eigentlich nicht? Mich hat noch nie jemand gesegnet.“

Ich knüpfe ihm das Armband ums Handgelenk, lege ihm die Hände auf den Kopf und spreche einen Segen für ihn. Mitten im Club. Auf einer dunklen, vollen Tanzfläche. Zu elektronischer Musik mit harten Bässen. Unsere Neonbänder leuchten im Schwarzlicht. Wir tanzen weiter, als sei nichts gewesen.

Später kommt er noch einmal zu mir. Beugt sich zu meinem Ohr und sagt: „Das hat mich sehr berührt. Der Segen ging irgendwie unter die Haut. Vor einem halben Jahr ist meine Frau gestorben. Sie war 33. Seitdem ist jeder Tag ein Kampf.“

In diesem Moment bekomme ich wieder Gänsehaut.

Für mich ist Segen genau das: Gottes Berührung, die unter die Haut geht. Dafür muss ich nicht in einer Kirche stehen. Und ich muss den Menschen vor mir nicht kennen.

Wenn der Segen guttut, bekomme ich Gänsehaut. Wenn der Segen richtig guttut, sogar auf den Schienbeinen.

Hier der Link zur ARD-Mediathek: https://www.ardmediathek.de/video/aus-christlicher-sicht/aus-christlicher-sicht-25-06-2026/sr/Y3JpZDovL3NyLW9ubGluZS5kZS9BQ1NfMTcwNTU4