Eure Rede sei: Ja, ja
„Das Problem ist einfach – wir sind Menschen“. Der Ministerpräsident von Thüringen, Bodo Ramelow, hat das vor ein paar Tagen in einem Interview im heute journal gesagt. Menschen hofften, so Ramelow weiter, auf einem leichten Weg ans Ziel zu kommen. Auch er habe das gehofft, aber: „Es ist falsch!“ Und damit meinte Ramelow ausdrücklich auch sich und manche seiner Entscheidungen in der Pandemie. Und dann lobte der Linke Ramelow die CDU-Kanzlerin, die schon im Herbst den Weg der Lockerungen als Irrweg erkannt habe.
Das Interview war bemerkenswert offen und von ehrlicher Sorge um die Gesundheit der Menschen geprägt. Keine Ausflüchte, kein politisches Taktieren, keine Floskeln. Respekt.
Man hört sie in der Pandemie öfter, diese Politiker-Töne, die auch mal Fehler einräumen. Man könnte meinen, die Politik hätte sich das Wort Jesu aus der Bergpredigt zu Herzen genommen: „Eure Rede sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist von Übel“ (Mt 5,37).
Ist das schon eine neue politische Kultur?
Ich bin da skeptisch. Solange Politiker befürchten müssen, für jedes klare Wort abgestraft, mitunter beschimpft und sogar bedroht zu werden, wird es kein Ende haben mit den nichtssagenden Floskeln. Warum sollte man als Politiker zum Beispiel einen Fehler ehrlich einräumen, wenn man damit riskiert, abgewählt zu werden; die Leute aber andererseits offenkundige Lügen frenetisch bejubeln? Nicht nur in den USA.
Wir alle bestimmen, wie viel Ehrlichkeit in der Politik ist. Die Politik ist ein Spiegel der Gesellschaft. Sie ist wie wir. Wenn wir Ehrlichkeit in der Politik wollen, müssen wir uns selber ehrlich machen. Also: Selbst ehrlich sein. Vor allem aber bereit sein, Ehrlichkeit bei anderen zu honorieren und uns auch schmerzhafte Wahrheiten sagen zu lassen, statt sie aggressiv abzuwehren. Das Wort Jesu aus der Bergpredigt ist jedenfalls kein Wort gegen die Politiker, sondern eines an uns: „Eure Rede sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist von Übel“.
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