Beiträge

Eine Aussicht

Stellen Sie sich eine Einzelzelle vor. Kein Fenster. Nur das kalte, surrende Licht von Leuchtröhren. Seit Jahren. Hier sitzt er: Hannibal Lecter, der Mörder aus dem Film „Das Schweigen der Lämmer“.

Als die Polizei ihn um Hilfe bittet, stellt er eine einzige Bedingung. Er will kein Geld, keinen Freigang.  Er sagt: „Was ich will, ist eine Aussicht. Ein Fenster, durch das ich einen Baum sehen kann. Oder Wasser.“

Ein Fenster. Etwas, das wir oft gar nicht mehr wahrnehmen.

Ich saß neulich im Wartezimmer beim Arzt und hab nach draußen geschaut. Da war ein grauer Hinterhof. Ein Bauzaun, ein kümmerlicher Strauch, ein kahler Baumstumpf. Eigentlich ein ziemlich schäbiger Anblick.

Aber dann musste ich an Hannibal Lecter denken. Für ihn wäre dieser Hinterhof die Welt gewesen. Er hätte die Grautöne des Himmels studiert, die Sterne gezählt, darauf gewartet, dass der tote Baumstumpf im Frühjahr wieder einen winzigen grünen Trieb zeigt.

In diesem Moment hat sich mein Blick verändert. Auf einmal hat mich der Hof interessiert. Er war mir fast lieb. Ich sah die Lebewesen und den offenen Himmel. Man könnte auch sagen: Jetzt sah ich Gottes Schöpfung.