Ein Herz und eine Seele
Hand aufs Herz: Wie schnell haben Sie einen Menschen abgestempelt? Ein falscher Satz beim Elternabend, der falsche Aufkleber auf der Stoßstange des Vordermanns – schwupps, Schublade auf, Mensch rein, Klappe zu.
Ich erwische mich selbst ständig dabei. Ich reduziere andere in Sekundenschnelle auf eine einzige Sache: die politische Meinung, die Herkunft oder das Kreuzchen bei der letzten Wahl. Aus einem komplexen Menschen mit Gefühlen wird plötzlich nur noch: „die Impfgegnerin“, „der Öko“ oder „der unverschämte Nachbar“.
Aber das wird der Sache nicht gerecht. Kein Mensch ist so simpel. Hinter jeder Fassade steckt eine Geschichte. Da hat jemand Angst, da träumt jemand von der Zukunft, da trägt jemand alte Wunden mit sich herum.
In der Bibel gibt es diesen schönen Satz über die ersten Christ*innen: „Sie waren ein Herz und eine Seele.“ Das war keine Friede-Freude-Eierkuchen-Truppe, die haben sich auch gefetzt. Aber ihr Grundsatz war: Bevor wir streiten, sind wir erst mal Menschen auf Augenhöhe. Bevor wir auf unsere Ansichten und Meinungen schauen, ist klar, dass wir zusammengehören, als Geschwister. Daran kann sich nichts ändern. Jeder von uns hat dieselbe, unverlierbare Würde. Was wäre das für eine Woche, wenn wir die Schubladen einfach mal geschlossen halten? Was wäre das für eine Welt in der du und ich uns als Geschwister sehen könnten?
Mein Vorsatz für diese Woche: Den anderen selbst im größten Streit nicht als Gegner zu sehen, sondern wie diesen einen, verdammt anstrengenden Verwandten. Den ich trotzdem respektiere.