Der eigene Pulli
„Mama, du bist im Krankenhaus!“ Die Tochter am Bett sagt es immer wieder, ganz geduldig. Aber die 91-Jährige neben mir im Zimmer glaubt es nicht. Sie denkt, sie sei zu Hause.
In der Nacht wacht sie auf. Sie will das tun, was sie immer tut: Die Katze füttern, in die Küche rollen, Kaffee kochen. Sie will aufstehen – Infusionsschlauch und Katheter sind ihr völlig egal. Die Nachtschwester ist genervt. Die alte Dame darf auf keinen Fall aus dem Bett, aber sie kämpft! Sie wird immer aufgeregter, fragt mich, warum ich im Bett ihres Mannes liege. „Da gehört doch Jean hin!“ Sie reißt an ihrem Krankenhaushemd, sie ist völlig verloren.
Eine zweite Schwester kommt dazu. Ich denke noch: Jetzt geben sie ihr eine Spritze, damit Ruhe ist. Aber die Pflegerin hat eine andere Idee. Sie kramt im Koffer der alten Dame und zieht deren eigenen Wollpulli heraus.
In diesem Moment beginnt das Gesicht der Frau zu leuchten. Als die Schwester ihr den Pulli überstreift, legt sie sich mit einem tiefen Seufzer zurück ins Kissen.
Das war kein Medikament, das war Mitgefühl. Ein Stück Heimat in der Fremde. Beeindruckend. Und zutiefst barmherzig.