Christi Himmelfahrt 2026
Musik: „16 Tons“, Tennessee Ernie Ford, aus: Sixteen Tons, 2015
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer! Mit dem Lied „16 Tons“ von Tennessee Ernie Ford begrüße ich sie herzlich zu dieser Morgenfeier an Christi Himmelfahrt. Herzlich Willkommen – schön, dass Sie dabei sind!
Da schaufelst du 16 Tonnen. Und was hast du davon? Einen Tag mehr auf dem Buckel und noch tiefer in den Schulden. Heiliger Petrus, ruf mich bloß nicht zu dir – ich kann hier noch nicht weg. Denn ich schulde sogar meine Seele dem Laden im Betrieb.
„You load sixteen tons, what do you get? Another day older and deeper in debt“. Ich gebe zu: Das ist jetzt nicht unbedingt der klassische Einstieg zur Morgenfeier an einem freien Feiertag. Eher der Soundtrack für ein Leben im Hamsterrad, irgendwo zwischen Motoröl, Zigarettenqualm und Kaffeeduft. Und doch – finde ich – passt dieses Lied erstaunlich gut zu diesem Morgen.
Denn heute ist Christi Himmelfahrt. Ein Feiertag, der heute früh an vielen Orten mit Gottesdiensten unter freiem Himmel gefeiert wird. Aber nicht nur das: Gleichzeitig ziehen heute viele Menschen mit ihrem Bollerwagen los und feiern diesen freien Tag unter einem ganz anderen Namen – als Vatertag. Männer, die sich selbst einen Tag Auszeit schenken. Ein bisschen Freiheit. Ein bisschen Leichtigkeit. Manchmal auch ein bisschen Flucht vor dem, was sonst so auf den Schultern liegt.
Naja ich bin eines Morgens auf die Welt gekommen als die Sonne nicht schien. Ich habe eine Schaufel genommen und bin in die Mine gelaufen. Ich habe sechzehn Tonnen von der Nummer 9-Kohle geladen, und der Chef hat nur gesagt: “Ach, du meine Güte.” Da schaufelst du 16 Tonnen. Und was hast du davon? Einen Tag mehr auf dem Buckel und noch tiefer in den Schulden.
An manchen Tagen ist das, was Tennessee Ernie Ford da singt, gar nicht so weit weg von meinem eigenen Lebensgefühl. Da lauf ich, da mach ich, da kümmere ich mich. Ich funktioniere. Ich halte Dinge am Laufen. Und oft genug stell ich mich selbst hinten an. Warum eigentlich?
Ich denke, ich hab‘ mir das irgendwo abgeschaut. Von meinem ganz eigenen Männerbild? Stark sein, durchhalten, nicht klagen. So, wie mein Vater ja auch durchs Leben gegangen ist. Aber ob ich diesem Idealbild gerecht werden kann?
Christi Himmelfahrt und Vatertag – die haben mehr miteinander zu tun, als man im ersten Moment denkt. Immerhin geht es bei beiden um Beziehungen. Um die, die mich geprägt haben. Die mir etwas mitgegeben haben. Und um die, die heute manchmal fehlen.
Musik: „Loud and Heavy – Unplugged”, Cody Jinks, aus: Adobe Sessions (Unplugged)
Heute früh an Christi Himmelfahrt werden an vielen Orten Gottesdienste unter
freiem Himmel gefeiert. Mit Posaunenchören, Kirchenliedern und auch dem
einen oder anderen Bratwurst-Duft in der Luft. Mindestens genauso viele Menschen
aber feiern diesen Feiertag heute früh unter seinem anderen Namen, mit dem
Bollerwagen und den besten Freunden im Schlepptau: als Vatertag.
Und dabei haben Himmelfahrt und Vatertag mehr gemeinsam, als man auf den ersten
Blick vielleicht vermuten will: Denn bei beidem geht es am Ende doch um Beziehungen.
Um die, die geprägt haben. Und um die, die ich heute manchmal wirklich vermisse.
Lauter Donner, schwerer Regen. Wieder diese schmale Linie zwischen Freude
und Schmerz. Eine lange, seltsame Reise – alles wirkt verrückt. Du wirst nie
wieder derselbe sein. Leben in der Nacht. Wie ein Blitzschlag – eine dünne,
helle Spur. Manchmal das einzige Licht, wenn der Mond sich versteckt.
„Loud thunder, heavy rain…“ – lauter Donner, schwerer Regen. Ich erinnere mich noch
genau, wie es früher war: Damals, wenn es in meiner Kindheit geblitzt und gedonnert hat.
Da bin ich immer zu meinem Vater gelaufen. Der hat dann einfach mit mir die Sekunden
zwischen Donner und Blitz gezählt, um herauszufinden, wie weit das Gewitter noch entfernt
ist. Nirgends sonst habe ich mich so sicher fühlen können, wie bei ihm.
Und das, obwohl auch meine Beziehung zu meinem Vater nicht immer nur einfach gewesen
ist. Aber im Rückblick ist vielleicht vieles schöner, als es in Wirklichkeit gewesen sein mag.
Ich höre seine Stimme. Ich sehe seine Gesten. Das Stirnrunzeln. Sein Grummeln. Christi
Himmelfahrt und Vatertag. Der Blick nach oben. Und der Blick zurück.
Und wenn ich heute zurückschaue, dann hatte ich noch viel mehr Vaterfiguren in meinem Leben. Der Trainer, der mir beigebracht hat, dass man durchzieht. Auch wenn man eigentlich keine Lust mehr hat. Der Lehrer, der für mich da war, als ich nicht mehr weitergewusst habe. Oder auch die Nachbarin – denn ja, auch Frauen können manchmal Väter sein.
Vaterfiguren. Für mich sind das Menschen, die getragen haben, ohne sich in den Vordergrund zu stellen; die einfach da waren, wenn es darauf ankam, und die mir – oft ganz nebenbei – das Gefühl mitgegeben haben, dass ich nicht alles alleine schaffen muss. Und denen ich trotzdem irgendwie nacheifern wollte. Und dann – ja – dann gibt es ehrlicherweise auch noch diese anderen Erfahrungen. Die Schwierigen Vaterfiguren. Die, die eher Druck gemacht als Halt gegeben haben. Die Erwartungen und Narben zurückließen. Die mir gezeigt haben, wie ich nicht sein will.
Es ist kein Zufall, dass das all diese Erinnerungen ausgerechnet heute bei mir zusammenkommen. An Christi Himmelfahrt – und eben auch am Vatertag. Einerseits mit Blick nach oben Richtung Himmel. Und andererseits mit dem Blick zurück auf all das, was war. Und: All dem, was noch werden wird. Wer kann es da dem einen oder anderen verübeln, wenn er sich am Bollerwagen festhalten muss?
Musik: „Carry on my wayward son“, Veer
Heute feiern wir Vatertag und Christi Himmelfahrt. Ein freier Feiertag, der den Alltag und unsere Routine unterbricht. Und ein Tag, der die Menschen nach draußen treibt. Sei es um Gottesdienst unter freiem Himmel zu feiern – oder um mit den Freunden und dem Bollerwagen auf Tour zu gehen. Ein Tag, der in seiner Dynamik ganz viele Richtungen kennt. Nach oben, Richtung Himmel. Zurück, auf all das, was war. Und nach vorne – wo immer die Reise auch hingehen mag.
Mach weiter, mein verlorener Sohn. Da wartet Frieden, sobald du fertig bist. Lege deinen müden Kopf zur Ruhe. Hör auf zu weinen. Auf einem stürmischen Meer voller Gefühle, Hin und her geworfen, da bin ich wie ein Schiff auf den Wellen. Ich habe Kurs gesetzt Richtung Glück. Und ich höre die Stimmen sagen: Mach weiter, mein verlorener Sohn. Da wartet Frieden, sobald du fertig bist.
„Carry on, my wayward son“. Hier in einer Akustikversion von der Künstlerin Vee Glider. Das ist für mich in diesem Jahr so etwas wie die inoffizielle Hymne zu diesem Feiertag. Weil da dieses Bild vom Unterwegssein drinsteckt. Vom Müdesein. Und vom Weitergehen, auch wenn der Weg nicht klar vor Augen liegt.
Ich weiß gar nicht so genau, wann es passiert ist. Aber irgendwann hat sich etwas verändert. Sätze, die früher von meinen Vaterfiguren kamen, die kommen jetzt von mir: „Komm, ich zeig dir das.“ – „Ich bin da.“ – „Das kriegen wir hin.“ Und ich merke: Ich bin nicht mehr nur der, der geführt wird. Sondern jemand, der neben ihnen geht – und oft auch der, der den nächsten Schritt vorgibt, selbst wenn ich nicht so genau weiß, wohin die Reise geht.
Aber ob das früher anders war? Die Antwort auf die Frage „Papa, kannst du mal“ lautet immer „Ja klar. Sofort.“ Was aber selten laut gesagt wird ist der Rest: „Ja klar. Sofort. Ich hab nur noch keine Ahnung wie“.
Genau dann merke ich, wie sehr sie mich geprägt haben. Ihre Worte in meinem Mund: „Erst mal ruhig bleiben.“ „Das kriegen wir schon hin.“ „Eins nach dem anderen.“
Manchmal erwische ich mich dabei, dass ich genauso spreche, wie sie es getan haben.
Nicht bewusst. Eher so, als würde da etwas weiterlaufen, das ich einmal mitbekommen habe – und das jetzt durch mich hindurch weiterklingt.
Ist das nicht das Eigentliche an Vaterfiguren: Dass sie nicht verschwinden, nur weil sich Rollen verändern. Sondern dass sie bleiben – in Sätzen, in Gesten, in Entscheidungen. Und dass sie genau dann wieder da sind, wenn man selbst vor etwas steht, das man noch nicht ganz versteht.
Und als er das gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf, weg vor ihren Augen. Und als sie ihm nachsahen, wie er gen Himmel fuhr, siehe, da standen bei ihnen zwei Männer in weißen Gewändern. Die sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht gen Himmel?
Christi Himmelfahrt und Vatertag – beides erzählt auf seine Weise davon, dass wir unterwegs sind. Himmelfahrt und Vatertag passen also ganz gut zusammen. Himmelfahrt als der Tag, an dem die Jüngerinnen und Jünger Jesu plötzlich alleine dagestanden haben. Und trotzdem weitermachen mussten. In der Hoffnung darauf, dass am Ende schon alles gut werden wird. Und der Vatertag, der sagt: „Du schaffst das schon“, oft mehr aus Hoffnung als aus Sicherheit heraus.
Beides hat mit Loslassen zu tun. Und mit Weitergehen. Und vielleicht ist das am Ende die leise Erfahrung dieses Tages: Dass wir nicht allein unterwegs sind. Mit dem Blick nach oben.
Mit dem Blick zurück. Und mit dem, was uns trotzdem weitergehen lässt – Schritt für Schritt. Und ja: manchmal braucht man halt seine Freunde und einen Bollerwagen, um sich das in Erinnerung zu rufen.
Musik: „Hard Fought Hallelujah (Acoustic)“, Brandon Lake, aus: „Hard Fought