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Buß- und Bettag

MUSIK: Allegra Lazár – Wunschbaum

Autorin

Hallo, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer! Heute ist ein Arbeitstag, aber außerdem ein Tag, der zur inneren Einkehr einlädt: Buß- und Bettag. Ich will mich heute an etwas erinnern, was in den vergangenen Monaten nicht ganz so gut gelaufen ist. Etwas, für das ich „Buße tun“, mich entschuldigen will. Nämlich: mein Schweigen. Und ich will diesen Tag nutzen, um das vor Gott zu bringen. Mit meinen Gedanken und im Gebet. Dabei will ich Sie mitnehmen.

Wissen Sie… so als Pfarrerin ist es ja mein Job, für viele Dinge auch viele Worte zu finden. Ich spreche von Berufswegen über Nächstenliebe, und dass wir Menschen bedingungslos von Gott geliebt werden. Ich predige, dass ich selbst Liebe vor-leben will.

Meistens gelingt mir das sogar. Im Alltag gebe ich mir Mühe, freundlich zu allen zu sein. Beim Bäcker, im Supermarkt und sogar beim Autofahren. Nur um mal Kleinigkeiten zu erwähnen. Ich will Vorbild sein für andere.

Aber – ich bin auch nur ein Mensch. Oft genug fehlen mir Worte. Und viel zu oft schweige ich. Zum Beispiel – als der Mann vor dem Krankenhaus schimpft:

Sprecher

Ich komm gerade aus dem Krankenhaus. Diese ganzen Ärzte und Pflegerinnen da! Kaum verstanden hab ich die! Sind ja alles Ausländer… Das darf doch nicht wahr sein! Wir sind hier in Deutschland! Die sollen erstmal richtig Deutsch lernen. Oder noch besser: wieder dahin gehen, wo sie hergekommen sind!

Autorin

Leider habe ich auch in anderen Situationen geschwiegen. Eigentlich hätte ich was sagen MÜSSEN. Wie bei einem anderen Mann:

Sprecher

Die Frau vom Meier Christian spinnt. Er soll sich um die Kinder kümmern, damit sie weiter Vollzeit arbeiten kann. Wo gibt’s denn sowas! Welt verkehrt. Mir käme so eine Frau nicht ins Haus. Meine soll gut kochen, sich um den Haushalt und die Kinder kümmern. Das können Frauen eh besser. Da haben sie genug zu tun. So war das früher, und es war nicht schlecht. Und wenn ich mir jetzt diese Mannsweiber in der Politik anschaue, könnt ich speien…

Autorin

Das waren jetzt nur zwei Beispiele, aber ich könnte noch richtig viele aus den letzten Monaten aufzählen. Und bei den aller meisten… hab ich geschwiegen.

Ich hätte etwas entgegensetzen müssen. Aber ich war still. Und das bereue ich.

Warum hab ich habe geschwiegen? Vielleicht, weil ich dachte: Bloß nicht einmischen. Oder weil ich einfach keine Kraft für so eine Auseinandersetzung hatte. Oder – oder  – oder…  Gründe für mein Schweigen hab ich immer gefunden.

Jetzt, wenn ich drüber nachdenke, schäme ich mich für mein Schweigen.

Es fühlt sich an, wie ein Stück Dunkelheit in mir.

MUSIK: Simon & Garfunkel, Sound of Silence, darüber Text

Autorin

Die Dunkelheit meines Schweigens.

Musik: Hello darkness, my old friend

Sprecher

Hallo Dunkelheit, alter Freund

Ich bin gekommen,

um noch einmal mit Dir zu sprechen,

weil eine Vision sanft schleichend

ihre Saat zurückließ während ich schlief

Und die Vision, die in mein Gehirn gepflanzt wurde

fortwährend besteht

Im Klang der Stille

Und im nackten Licht sehe ich

zehntausend Menschen, vielleicht mehr

Menschen, die reden, ohne etwas zu sagen

Menschen, die hören, ohne zuzuhören

Menschen, die Lieder schreiben,

die von Stimmen nie geteilt würden

Und niemand wagt,

den Klang der Stille zu stören

 

Autorin

Die Stille, mein Schweigen in vielen Momenten im letzten Jahr – das bereue ich. Schäme mich sogar dafür. Weil ich es doch anders machen WILL. Ich WILL Frauen- oder Ausländerfeindlichkeit meine Worte entgegensetzen. Selten hab ich aber wirklich den Mut oder die Kraft dazu. Und wenn ich mal die Kraft dazu habe… dann scheint es mir, als würden meine Worte auf das Schweigen von anderen treffen. Andere, die dann denken „Bloß nicht einmischen“.

Das klingt auch bei Simon and Garfunkel an:

 

Sprecher

„Narren“, sagte ich, „Ihr wisst nicht,

dass Stille wie ein Krebsgeschwür wächst.

Hört meine Worte, damit ich Euch lehren kann.

Nehmt meine Arme, damit ich Euch erreichen kann.”

Aber meine Worte fielen wie stille Regentropfen

und hallten in den Brunnen der Stille wider

 

Autorin

Die Stille, das Schweigen wächst wie ein Krebsgeschwür.

Ich glaube, ich begreife, was das bedeutet.

Denn ich merke, wie mein eigenes Schweigen mich krank macht. Bloß nicht einmischen. Nicht zu viel sagen. Die anderen, die gehen mich nichts an.

Und wenn ich es doch tue… dann fallen meine Widerworte wie Regentropfen in einen Brunnen der Stille.

Treffen auf das Schweigen der anderen.

Das macht mich krank.

Das Schweigen und die Stille.

 

So viele, auch ich, begegnen rechten Parolen, ausländerfeindlichem, antisemitischem, frauenfeindlichem oder homophobem Gedankengut mit Schweigen. Und geben damit Hetze und Hass Raum, die das Leben von Menschen bedrohen.

MUSIK : Vivaldi – L’iverno, darüber Text

Autorin

Das Schweigen macht mich krank.

Und wütend.

Aus meiner Wut wird ein Sturm in mir.

Autorin

Mein Schweigen in diesem Jahr, das bereue ich. Dafür schäme ich mich.

Und: es macht mich wütend. Weil ich eben NICHT Schweigen will!

Das Schweigen haftet aber an mir. Weil ich zu oft NICHTS gesagt habe, bin ich schuldig geworden. Ich bin schuldig, weil ich durch mein Schweigen für andere, lebens-feindliche Worte Raum gegeben habe. Die Scham und die Schuld fühlen sich an wie ein schwarzer Klumpen in meinem Bauch. Den will ich heute Gott geben mit einem Gebet, das an Psalm 130 angelehnt ist.

Sprecher

Gott, tief aus dem Abgrund rufe ich dich

HILFE!
Du sollst mich hören!

Du sollst mich ent-schuldigen!

Schuld! Viel davon hab ich.

Fehler, die ich mache und dazu mein Schweigen

Plus: die Fehler der anderen und deren Schweigen.

So viel Schuld.

Wenn du die Fehler zählen würdest:

Wäre dann überhaupt noch jemand da?

Aber… du zählst sie nicht.

Du vergibst. Ent-Schuldigst.

Einfach so.

Danach sehne ich mich.

Nach Vergebung.

Deiner Gnade.

Gott – du befreist von aller Schuld, allen Fehlern.

Schon immer und auch heute.

Amen.

Autorin

Dass Gott mir meine Schuld vergibt, daran glaube ich. Das soll aber auch Folgen haben, eine Veränderung bei mir. Denn: ich habe Schuld gegenüber meinen Mitmenschen. Wenn ich den rechten Populisten nichts entgegensetze, sondern schweige, dann trage ich mit Schuld daran, dass Hass und Hetze salonfähig sind.

Daran will und muss ich unbedingt arbeiten.

Ich weiß, das wird mir schwerfallen, weil es manchmal – ich bin da ehrlich – einfach bequemer ist, sich nicht einzumischen.

Die eigene Haltung zu verändern, das braucht Zeit und Kraft. Der Wille allein trägt vielleicht noch keine Früchte, aber wenn ich konsequent an mir arbeite… dann wird es Früchte tragen.

 

Vom Früchtetragen und dass es manchmal Zeit braucht, handelt auch eine Geschichte, die Jesus vor langer Zeit seinen Zuhörerinnen und Zuhörern erzählt hat:

Sprecher

Ein Mann hatte in seinem Weinberg einen Feigenbaum gepflanzt.

Er kam und schaute nach, ob Früchte daran waren – aber er fand keine.

Da sagte er zu seinem Gärtner: ›Seit drei Jahren komme ich schon und schaue nach, ob an diesem Feigenbaum Früchte sind – aber ich finde keine.

Jetzt hau ihn um!

Wozu soll er dem Boden noch weiter seine Kraft nehmen?‹

Aber der Gärtner antwortete: ›Lass ihn noch dieses Jahr stehen. Ich will die Erde um ihn herum noch einmal umgraben und düngen. Vielleicht trägt der Baum im nächsten Jahr doch noch Früchte. Wenn nicht, hau ihn dann um.‹

 

Autorin

Das wird schon noch. Der Gärtner will dem Baum Zeit geben und ihm das geben, was er braucht. Erde auffrischen und Dünger.

Ich überlege, was ich brauche, damit ich in Zukunft weniger schweige.

Auf jeden Fall brauche ich Mut und Kraft. Kluge Worte wären auch nicht schlecht. Schlagfertigkeit. Leider sind das alles Dinge, die ich nicht von jetzt auf gleich habe. Ich werde üben müssen. Ich WILL üben.

Für die klugen Worte kann ich außerdem auch Bücher lesen, schlauer werden. Bücher wie „Exit Racism“ – übersetzt – „Raus aus dem Rassismus“ von Tupoka Ogette, durch das ich rassismuskritisch denken lerne. Oder: „Unlearn Patriarchy“ – übersetzt – „Patriarchat verlernen“, herausgegeben unter anderen von Naomi Ryland und Lisa Jaspers. Das Buch hat viele Beiträge von Frauen, die toxische Strukturen in Denkmustern aufzeigen und die anderen Frauen Mut machen wollen, sich gegen das „So-war-es-schon-immer“ zu wehren.

Veränderung braucht Zeit. Meine Haltung zu verändern braucht Zeit. Aber ich kann es und will es. Hoffentlich bekomme ich dann auch von Gott den Beistand, damit meine Veränderung Früchte trägt und mein Schweigen bricht.

Gott – bitte hilf mir dabei…

MUSIK: Kammerchor Wilhelmshaven, Ich rede, wenn ich schweigen sollte

Autorin

Ja, das will ich. Das Rechte sagen und das Gute wagen.

Ich will nicht mehr Schweigen. Ich will keinen Platz mehr machen für das, was dem Leben insgesamt und besonders dem Leben anderer Menschen schadet – oder schaden könnte.

Ja, das zu üben, das wird Zeit brauchen. Die Veränderung wird Zeit brauchen.

Mit meinem Mut will ich in Zukunft laut sein.

Das sage ich heute. Am Buß- und Bettag. Denn „Buße tun ist das Recht, ein anderer zu werden.“ Das hat die Theologin Dorothee Sölle gesagt. Ja, ich will eine andere werden. Laut sein statt schweigen. Das Rechte sagen und das Gute wagen.

Ich – und auch Sie, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer – können ein anderer Mensch werden. Die Chance nutzen und das Schweigen brechen, Fehler eingestehen und um Ent-Schuldigung bitten. Wir können uns stark machen gegen Hass und Hetze – stark machen für Vielfalt und Menschenwürde.

MUSIK 5: Musik als Bett: Florence and the Machine – Dog days are over, darüber Text

Sprecher & Autorin im Wechsel

Hoffentlich trägt das in Zukunft Früchte.

Schluss mit dem Schweigen.

Jetzt ist Zeit zum Laut-Sein.

Zeit zum Einmischen.

Zeit ein anderer zu werden

oder eine andere.

Die elenden Tage müssen ein Ende haben.

Sorg dafür, dass das Leben gewinnt.

TRAG FRÜCHTE!

Musik: Florence and the Machine