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Buß- und Bettag

Musik 1: Bluesgebet (1:46), Heike Stark (Gesang) & Jörg Metzinger (Gitarre)

Als ich heute morgen aufwachte,

da hatte ich ein trauriges Gefühl.

Ich sage, als ich heute morgen aufwachte,

da hatte ich so’n trauriges Gefühl.

Denn manchmal ist das Leben

für ein alleine doch zu viel.

Doch dann sah ich in den Spiegel,

wusste Gott hat mich gemacht.

Ja, dann sah ich den Spiegel,

richtig, Gott hat mich gemacht

und da hab ich dann vor Freude

richtig laut gelacht.

Amen.

 

JM: Begrüßung (1:50)

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer! Ich begrüße Sie zu dieser Morgenfeier am Buß- und Bettag. Das eben war Heike Stark mit einem Bluesgebet. Denn um den Blues soll es heute gehen. Von daher: ein Blues- und Bettag heute.

 

Der Blues existiert, seit die Welt existiert. Der Blues ist die Wurzel der Musik, der Ursprung von Rock ’n‘ Roll und Punk oder was sonst noch. Blues und Kirche – alles ist darum herumgebaut, und alles hat seinen Ursprung dort: Blues ist die Geschichte von Mann und Frau. Der Beginn der Welt. Adam und Eva im Paradies.

 

Das hat John Lee Hooker gesagt, eine amerikanische Blueslegende.

 

Wenn ich John Lee Hooker folge, dann bedeutet das: ich beschäftige mich mit mir selbst, mit meinen Ängsten, Zwängen, mit meiner Schuld, mit dem, was mein Leben trübe und düster machen kann. So trübe, dass ich „den Blues habe“.

 

Das setzt mich wieder auf Anfang, Neuanfang. Zurück ins Paradies, das ist die versteckte Sehnsucht vieler Menschen. Auch wenn sie nicht religiös daherkommt. Eine Sehnsucht, die sich nicht erfüllt, weil wir Menschen uns selbst im Weg stehen.

 

Ich staune über John Lee Hooker. Wie er seine Musik, den Blues, so weit spannt. Bis zum Beginn der Welt. In den Texten von Bluessongs kommen Gott und Glaube eher selten vor. Auch bei Hooker geht es meistens um das Eine. Um Sex. Aber John Lee Hooker weiß: Ich lebe mein Leben nicht nur für mich. Es gibt ein Woher und ein Wohin.

 

Ich lade Sie also ein, liebe Hörerinnen und Hörer, mit mir heute dem Blues nachzuspüren.

 

Und so klingt John Lee Hooker. Er wendet sich im folgenden Song an Gott und klagt über eine Frau, die er liebt. Sally Mae…

 

Musik 2: Sally Mae (3:13) (nach 2 Minuten ausblenden), John Lee Hooker

Sally Mae, Sally Mae. Lord, you know you ain’t treat’n me right, Sally Mae, Sally Mae
Lord, you know you ain’t treat’n me right. You stay out all night long
Lord, you know you ain’t treat’n me right. You’re a no good weed
Lord, the cows, won’t mow you down. You’re a no good weed. Lord, the cows, won’t mow you down
I was chief of police, I would drive you out of town
George! Play the blues!

You ought to leave this town, Sally Mae. You ought to leave here to stay
You ought to leave this town. Y’ought to leave here to stay
Your reputation, Sally Mae. Your reputation ain’t no good
Sally Mae, Sally Mae. Y’ought to change in your younger days
Yeah! Sally Mae, Sally Mae. Y’oughtta change your ways in your younger days
Better change now Sally Mae. Change in your younger days

 

JM: Überleitung (0:40)

Es gehört zum Blues, zu klagen über den miserablen Zustand der Welt im Allgemeinen, zu lamentieren über persönliche Misslichkeiten im Speziellen. Bluesman und Blueswomen – sie wachen am Morgen auf und eigentlich ist alles schon gelaufen. An ihnen vorbei. I wake up in the morning – die Frau ist weg, der Kühlschrank leer, dafür ein bohrender Kater im Kopf. Zuviel Alkohol am Abend vorher. Unzählige Bluestitel beginnen mit: I wake up in the morning.

Dahinter steht aber eine zeitlose Erfahrung. Ein Eintrag im Internet-Blog einer Schülerin, ich schätze mal: 16 Jahre alt.

 

HS: Textfund1: Ich hab’ den Blues (1:35)

Irgendwie fällt es mir schwer, darüber zu schreiben.
Um es kurz zu fassen: Ich habe schlechte Laune.
Ich hasse mein Leben! Okay, hassen tu ich es nicht, aber im Moment ist alles nur deprimierend.  Ich kann eigentlich keinen konkreten Grund nennen. Ich bin einfach schlecht drauf.
Und in der Schule läuft es auch nicht mehr ganz rund.
Ich bin in den Gedanken schon in den Sommerferien.
So nah und doch so fern!
Und niemand weiß, wie es mir wirklich geht. In der Klasse bin ich meistens gut gelaunt, obwohl ich oft rum maule. Aber das wird sowieso nie ernst genommen. Und Tränen der Aufmerksamkeit ist nicht mein Ding. Ich zeige niemandem ganz offen meine Gefühle. Das ist auch gut so. Auch wenn ich auf den ersten Blick nicht sympathisch rüberkomme.
Heute bekamen wir eine Standpauke von unserer lieben Frau Lehrerin, uns werden die schulautonomen Tage genommen, zu Hause gab‘s Streit anstatt was Gescheites zu essen und mir ist auch schon ganz schlecht.  Das Wetter ist schön, alle vergnügen sich und ich muss die Schulbank drücken! Ich bin nicht die Einzige, die das machen muss, ist mir schon klar. Es nervt trotzdem. Und der Kleine gibt wieder keine Ruh.
Mir ist schwindlig, mir ist schlecht, ich bin müde, ich krieg keine Luft und niemand versteht mich.
Ich hab ne Maske auf. Keiner sieht, wie ich wirklich darunter ausschaue.
Klingt eigentlich so, als hätt ich keinen wirklichen Grund, um schlecht gelaunt zu sein. Es stimmt ja auch. Aber ich kann auch nichts dafür. Vielleicht sind es ja auch die Hormone.

was für ein Elend!

 

Musik 3: Gefallene Engel (5:26), Blueshimmel

Isch sieh e Engel falle am e hellichte Daa – Isch siehn zwar wie er aussieht, aber verschteh net was er saat.
Die Hänn gebunn unn die Flischel schwer geschdutzt – Alle guude Vorsätz hann bis jedzt nix genutzt.
Do gebts nur ens woran de Michel denkt – Isch kenn die ganze Schtory unn wees dass se schtinkt
Freiheit iss e Kind vunn Liebe unn net vumm Geld – Jeder schpielt sei Roll uff dere Welt.
Isch sieh e Engel falle am e hellichte Daa – Isch siehn zwar wie er aussieht, aber verschteh net was er saat.
Es kommt de Daa, wo du nimmie kannscht – neie Flischel misse wachse, isch geb da aa mei Hand

 

JM: Überleitung (0:40)

Das war die Zweibrücker Band Blueshimmel. Ihr Sänger und Gitarrist Michel Wack hat bekannte Songs amerikanischer Bluesgrößen kongenial interpretiert. Mit eigenen Texten in Zweibrücker Dialekt. Das eben war „Gefallene Engel“, im Original ein Titel von Robert Johnson, auch eine Blueslegende. Michel Wack gibt wie alle Bluesmusiker dem Klagen breiten Raum – aber dabei die Hoffnung nicht auf: „neue Flügel müssen wachsen“. Und Solidarität, ja Liebe ist der Schlüssel: „Es kommt der Tag, wo du nicht mehr kannst, ich gebe dir dann meine Hand“.

Eine zeitlose Hoffnung. Dazu ein weiterer Text aus einem Blog im Internet:

 

HS: Textfund 2: Mit dem Kopf am Fußende (1:55)

Ich war schon so oft ganz allein

zwischen meinen Wänden

und habe mich gefragt

ob die Wände sich eigentlich kennen?

Bin aufgestanden,

um die Gedanken zu vertreiben

und den Sand aus meinen Augen zu reiben.

Es hat nicht lange gedauert

bis ich schließlich verstand,

dass nichts mehr so war

wie ich es einmal kannte …

Und dann schlafe ich ein,

mit dem Kopf am Fußende,

weil ich die Welt so gerne andersherum hätte.

Und auch wenn ich weiß,

dass es noch niemand geschafft hat,

gebe ich die Hoffnung nicht auf

und schaue in die Nacht.

 

Ein weiterer Tag vergeht

und hinterlässt seine Wunden.

Ich fühle mich leer

und irgendwie aufgebraucht

als hätte der Tag mich komplett leer gesaugt

und die Nacht,

so erholsam und kühl,

mich nicht wieder aufgebaut.

Es hat nicht lange gedauert

bis ich schließlich verstand,

dass nichts mehr so war

wie ich es einmal kannte …

 

Und dann schlafe ich ein,

mit dem Kopf am Fußende,

weil ich die Welt so gerne andersherum hätte.

Und auch wenn ich weiß,

dass es noch niemand geschafft hat,

gebe ich die Hoffnung nicht auf

und schaue in die Nacht.

 

Ich war schon kurz davor mich fallen zu sehen,

einfach nirgendwo mehr hinzugehen.

Doch als der Mond zur Sonne sprach:

„Hey, ich lass den Quatsch,

nachts brauche ich nicht mehr zu leuchten…“

Da meinte die Sonne nur:

„Du weißt doch, dass die Menschen dich brauchen,

um sich im Dunkeln nicht zu verlaufen …“

 

Und deshalb schlafe ich ein,

mit dem Kopf am Fußende,

weil ich die Welt so gerne andersherum hätte.

Und auch wenn ich weiß,

dass es noch niemand geschafft hat,

gebe ich die Hoffnung nicht auf

und schaue in die Nacht hinaus.

 

Gebe ich die Hoffnung nicht auf

und schaue in die Nacht hinaus.

 

Musik 4: The seventh son (4:15) (nach 2 Minuten ausblenden)

Willie Dixon

Well now everybody cryin‘ ‚bout the seventh son

But in the whole round world there is only one, and
I’m the one, yes, i’m the one
I’m the one, i’m the one,
I’m the one they call the seventh son
Well i can tell your future before it comes to pass
And i can do things for you that make your heart feel glad
Look at the skies and predict the rain
I can tell when a woman’s got another man
I’m the one, yes, i’m the one
I’m the one, i’m the one,
I’m the one they call the seventh son
Now i can hold you close and i can squeeze you tight
And i can make you cry for me both day and night
And i can heal the sick and even raise the dead
And make you little girls talk out of your head
I’m the one, yes, i’m the one
I’m the one, i’m the one,
I’m the one they call the seventh son
Now i can talk these words that sound so sweet
I can make your little heart even skip a beat
I can take you, baby, hold you in my arms
And make the flesh quiver on your lovely bones
I’m the one, yes, i’m the one
I’m the one, i’m the one,
I’m the one they call the seventh son
Well now everybody cryin‘ ‚bout the seventh son
But in the whole round world there is only one, and
I’m the one, yes, i’m the one
I’m the one, i’m the one,
I’m the one they call the seventh son

 

 

 

JM: Der Blues (1:45)

„I am the blues“, so heißt das Album, auf dem dieser Titel von Willie Dixon veröffentlicht wurde. Ein selbstbewusstes und auch schonungsloses Statement. „I am the blues“, das gibt wieder, was viele Blueser fühlen. Sie sind, was sie spielen. Der, der den Blues hat, spürt einfach das Leben in seiner Vielschichtigkeit. Und da kommt alles zusammen. „I feel blue“ hat ja nichts mit blau sein zu tun. Es geht um eine Melancholie – und manchmal weiß man gar nicht warum.

Der Blues redet über den Alltag. Er gibt Antworten auf Fragen des Lebens. Warum scheitern Beziehungen? Warum hat der Nachbar die schönere Frau? Das bessere Auto? Und das, wo ich mich doch so stark bemühe, im Leben zurechtzukommen. Klingt fast schon nach Motiven aus den Klagepsalmen der Bibel. Da geht’s auch darum, dass ich eigentlich alles richtig mache und der Nachbar das bessere Ende für sich hat. Ok, der Beter im Klagepsalm behauptet meistens noch, er führe ein gottgefälliges Leben. Das sagt der Bluesman selten. Er hat schon gelernt, dass man, so sehr man sich bemüht, doch immer wieder scheitert, weil man den Ansprüchen Gottes nicht genügt…

Im Blues weiß der Sänger um sein Scheitern, um die Endlichkeit seiner Existenz, darum, dass er nichts retten kann aus diesem Leben. „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hochkommt, so sind’s achtzig, und was daran köstlich scheint, ist doch nur vergebliche Mühe.“ Psalm 90. Oder: „Nobody knows you when you’re down and out“. Da bleibt dann nur noch die Zuflucht zu dem, der allen Schaden heilt.

Bessie Smith mit „Nobody knows you when you’re down and out“, aufgenommen 1929.

 

Musik 4: „Nobody knows you when you’re down and out“ (2:57)

Jimmie Cox, gesungen von Bessie Smith

Once I lived the life of a millionaire, Spent all my money, I just did not care.
Took all my friends out for a good time, Bought bootleg liquor, champagne and wine.

Then I began to fall so low, Lost all my good friends, I did not have nowhere to go.
I get my hands on a dollar again, I’m gonna hang on to it till that eagle grins.

‚Cause no, no, nobody knows you When you’re down and out.
In your pocket, not one penny, And as for friends, you don’t have any.

When you finally get back up on your feet again, Everybody wants to be your old long-lost friend.
Said it’s mighty strange, without a doubt, Nobody knows you when you’re down and out.

When you finally get back upon your feet again, Everybody wants to be your good old long-lost friend.
Said it’s mighty strange, Nobody knows you when you’re down and out.

 

JM: Komme, was mag (Martin Luther King) (0:30)

Komme, was mag. Gott ist mächtig!

Wenn unsere Tage verdunkelt sind

und unsere Nächte finsterer

als tausend Mitternächte,

so wollen wir stets daran denken,

dass es in der Welt eine große,

segnende Kraft gibt, die Gott heißt.

Gott kann Wege aus der Ausweglosigkeit weisen.

Er will das dunkle Gestern in ein helles Morgen verwandeln,

zuletzt in den leuchtenden Morgen der Ewigkeit. Amen.

 

JM: Überleitung (0:25)

Dieses hoffnungsvolle Gebet ist von Martin Luther King. Sechs Wochen nach dessen Ermordung, am 18. Mai 1968, spielte die Creme de la Creme des Chicago Blues: Otis Spann, Little Walter, Muddy Waters und Willie Dixon, ihre Hommage an den schwarzen Prediger und Bürgerrechtler, den „Blues for Martin Luther King“ in Washington vor mehreren tausend Menschen.

Musik 5: Blues for Martin Luther King (4:08) (nach 2 Minuten ausblenden)

Otis Spann

OH, DID YOU HEAR THE NEWS?

COMING OUT OF MEMPHIS TENNESEE YESTERDAY
YES FELLOW I KNOW YOU HAD TO’VE HEARD THE NEWS
THAT HAPPENED DOWN IN MEMPHIS TENNESEE YESTERDAY
THERE CAME A SNIPER AND WIPED MARTIN LUTHER KING’S LIFE AWAY
ON THE 14TH OF APRIL IN THE YEAR 1968
YOU KNOW THERE COME A MEAN MAN
POP A BULLET THROUGH DR KING’S HEAD
OH WHEN HIS WIFE AND KIDS CAME DOWN ALL THEY COULD DO IS MOAN

NOW THE WORLD’S IN A REVOLT BECAUSE DR KING IS GONE