Beiträge

Alles hat seine Zeit

Am Zweiten Weihnachtsfeiertag steht bei mir immer an, die Verwandtschaft in Hessen zu besuchen. Eigentlich finde ich die Besuche immer schön. Auch, weil die im Laufe der Zeit auch immer seltener werden. Aber weil sie immer seltener werden, wird auch immer mehr aufgetischt. Schon seit Tagen wird diskutiert, wer welchen Kuchen backt und welcher Braten am Ende alle satt machen kann.

Und wenn ich dann wieder völlig vollgefressen sehnsüchtig auf das Sofa schiele, kann ich mir sicher sein, dass Tante Gabi meinen Plan zuverlässig vereiteln wird. „Zu dünn“, murmelt sie, und klatscht mir das nächste Stück Kuchen auf den Teller – während ich nur den Kopf schüttle und an all die Hemden und Hosen denke, die nach Weihnachten nicht mehr passen werden.

Und weil meine Tante Gabi auch selbsternannte Wahrsagerin ist, wird am Ende dann noch mit Argusaugen jede kleine Falte und Furche in meiner Hand begutachtet. Und mit ernster Miene mal wieder die große Liebe, der baldige Geldsegen und die drohende Gefahr prophezeit. Gestimmt hat das natürlich noch nie. Aber ihr macht es Freude. Und ich lass‘ es ihr zu Liebe über mich ergehen.

Aber was, wenn Sie die Zukunft wirklich vorhersagen könnte? Würde ich es überhaupt wissen wollen? Verlockend klingt das ja schon. Das muss ich zugeben. Und ich hätte auch nichts dagegen, jetzt schon die Lottozahlen von nächster Woche zu kennen. Aber will ich wirklich alles wissen?

„Alles hat seine Zeit“, sagt die Bibel. Kuchen essen. Verwandtschaft treffen. Weihnachten feiern. Genau wie die Höhen und Tiefen des Lebens. „Alles hat seine Zeit“, denke ich. Und lass auch noch das Dritte Stück Kuchen über mich ergehen.