Wie lange noch?
Gestern war ich mal wieder einkaufen. An der Kasse stehen einige Leute vor mir. Unter anderen eine Mutter mit einem Kind: „Mamaaa? Wie lang noch?“ nörgelt es. Alles hier geht ihm viel zu langsam. Warten macht dem Kind ü-ber-haupt keinen Spaß. Es zupft die ganze Zeit genervt an seinem Mund-Nasen-Schutz rum. Ich schätze, draußen auf dem Spielplatz rumdüsen und schaukeln würde ihm jetzt Spaß machen. Aber stattdessen muss es sich strikt an die Regeln halten und durch ein Stück Stoff atmen. Und so wie ich hängt es hier in der Schlange fest. Tief und genervt ein- und ausatmend. Ich merke, dass mir das Warten heute auch schwerfällt. Dauernd beschlägt meine Brille vom ganz normalen Atmen durch die Maske. Ich rolle mit den Augen und ziehe sie für einen kurzen Moment ab. Ungewollt seufze ich ziemlich laut. Ich sehe Richtung Kasse und denke: „Maaan. Wie lang noooch?“
Na toll. Jetzt wird da vorne auch noch das Kleingeld sortiert. Wie von selbst rutscht meine Laune noch weiter in den Keller.
Es ist nicht nur das Warten hier an der Kasse und das nörgelnde Kind, was mir so richtig auf die Nerven geht. Eigentlich ist es die Gesamtsituation. Einfach alles ist so viel anstrengender als sonst. Ich frage mich: Wie lange noch? Kann das Ganze nicht einfach mal vorbei sein?
In meinem Kopf schwirren Gedanken herum, die mir sagen, dass es nie wieder wird wie vorher. Wie deprimierend. Okay, es ist nicht alles schlecht. Beispielsweise bin ich froh, dass mir an der Kasse keiner mehr einfach so in die Hacken fährt, weil ja Abstand eingehalten werden muss. Maske tragen nervt zwar, doch das geht schon irgendwie klar.
Aber vor allem zwischenmenschlich hat sich viel verändert. So kommt es mir zumindest vor. Bei Freunden und auch bei der Familie. Die einen sind in meinen Augen übervorsichtig und die anderen glauben einfach nicht an das Virus. Diese beiden Lager verhärten sich immer mehr. Die einen hören den anderen nicht mehr zu und umgekehrt. Und irgendwo zwischendrin sitze ich zwischen den Stühlen und frage mich: Wie lange noch? Kann das bitte vorbei sein??
Meine Gedanken werden lauter: Es wird zwischen uns nicht mehr wie vorher. Nie. Wieder. Immer öfter werde ich zwischen den Stühlen sitzen. Die Menschen um mich werden in Zukunft noch mehr verschiedene Meinungen von sich geben. Die einen zeigen mit dem Finger auf andere. Die anderen rollen mit den Augen und halten alles außer ihrer eigenen Meinung für falsch. Merken wir denn nicht, dass wir uns immer weiter auseinander leben?
Wie lange lassen wir das noch zu?
Ich hab die Nase voll vom Warten darauf, dass alles von selbst irgendwann wieder gut wird. Ich will nicht mehr nörgeln, wie doof ich die Situation finde und wie sehr es mich nervt. Ich will etwas tun. Nur … was kann ich schon erreichen? Wo soll ich anfangen?
Vielleicht am ehesten da, wo ich zwischen den Stühlen sitze: in meinem eigenen Umfeld. Was wäre, wenn ich anfangen würde anderen besser zuzuhören? Ich weiß, wir streiten uns oft über Meinungen – aber… warum hat mein Gegenüber eigentlich diese Meinung? Was steckt dahinter? Vielleicht Angst? Oder Übermut? Zorn?
Was wäre, wenn wir nicht über Meinungen ins Gespräch kommen würden, sondern über das, was in uns vorgeht? Ich glaube, dann wir könnten nicht mehr aneinander vorbeireden. Wir müssten ja auf uns selbst sehen und zugeben, was uns bewegt. Andere könnten verstehen, was in uns vorgeht. Keine Meinung. Keine Ausrede. Keine Maske. Die Frage „Wie lang noch?“ wäre dann abgehakt.
Denn dann würden wir uns um uns selbst und unsere Mitmenschen kümmern. Sozusagen füreinander sorgen. Was meinen Sie?