Der betende Trump
Wegen Donald Trump verstehe ich eine wichtige Stelle in der Bibel neuerdings besser. Klingt komisch, ist aber so.
Da sehe ich den amerikanischen Präsidenten neulich in den Nachrichten auf einer Bühne. Um ihn herum mehrere betende Männer und Frauen, die sich mit den Händen an den Schultern oder am Arm berühren. Die, die Trump am nächsten stehen, haben die Hände auf ihn gelegt. Sie bilden, so offensichtlich die Idee, eine Art Kraftfeld. Die Kraft Gottes wird auf den Präsidenten herabgerufen. Der steht dann auch ganz demütig da, die Hände fromm gefaltet, die Augen andächtig geschlossen.
Ich wusste gar nicht, dass Donald Trump so fromm ist. Ich meine, der Mann beschimpft unablässig Leute; er brüstet sich, Frauen jederzeit ungestraft zwischen die Beine fassen zu können; im Wahlkampf hat er einen Behinderten nachgeäfft; und er ist tausendfach der Lüge überführt. Ich dachte immer, fromme Leute würden solche Sachen nicht tun.
Das scheinen auch die Macher des evangelikalen Magazins Christianity Today gedacht zu haben. Jedenfalls stand in der Dezemberausgabe, Donald Trump sei ein perfektes Beispiel für einen Menschen, der moralisch verloren und verwirrt sei. Das muss den Präsidenten richtig geschockt haben, war er doch sicher, alle Evangelikalen würden ihn gut finden und ganz sicher wählen. Jedenfalls solange er gegen Abtreibung und Homoehe wettert.
Nun konnte er die Leute ja nicht einfach, so wie sonst, mit einem Tweet niedertrumpeln. Das hätten ihm die Evangelikalen dann wohl doch nicht verziehen. Dann halt öffentlich beten. Beten als Wahlkampf.
Ach so, ich schulde ihnen noch die Bibelstelle, die ich jetzt besser verstehe. In der Bergpredigt sagt Jesus (Mt 6,5): Wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Versammlungen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.