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Wann beginnt der Morgen?

„Wann beginnt der Morgen“, wird der Rabbi von seinen Schülern gefragt. „Ist es, wenn man aus der Ferne einen Feigenbaum von einem Maulbeerbaum unterscheiden kann?“ „Nein“, sagt der Rabbi“, „dann ist noch nicht Morgen“.

Der Mörder, der in Halle gestern zwei Menschen erschossen hat, wollte möglichst viele „Anti-Weiße“ töten, „bevorzugt Juden“.  Deshalb versuchte er, Gott sei Dank erfolglos, in die Synagoge einzudringen. Dort waren dutzende Menschen jüdischen Glaubens zum Gottesdienst versammelt. Sie feierten Jom Kippur, Versöhnungstag. Anti-Hass-Tag, könnte man sagen.

Juden sind Anti-Weiße? Wie kommt man denn auf so was? Nun, in der Logik des Mörders ist das klar. Der Feminismus führt zu weniger Geburten. Einwanderer rücken nach. Das Aussterben der weißen Rasse droht. Das alles haben die Juden so geplant, die übrigens auch die westlichen Regierungen steuern. Klingt völlig verrückt. Ist es auch. Nur, neu ist es nicht. So haben sich schon im Mittelalter Hexenwahn und Judenfeindschaft verbunden. Die völlig abstruse Vorstellung, es gäbe eine jüdische Verschwörung, die Weltherrschaft zu erringen, ist, so scheint es, unausrottbar.

Im Kern der Feindschaft gegen Juden steht nach meiner Überzeugung von jeher der Gedanke der Erwählung. Auch alle nichtreligiösen Ausdrucksformen des Antisemitismus haben hier ihren Grund. Dass die Juden das Volk Gottes sind, hat zu allen Zeiten gereicht, sie zu hassen. Statt dankbar zu sein, dass alle Menschen um der Juden Willen den Gott der Liebe kennen dürfen. Aber die Liebe ist für viele Menschen weniger faszinierend als der Hass. In der politischen Auseinandersetzung macht sich eine Sprache breit, die den Hass zumindest begünstigt. Im Internet gibt es Plattformen, auf denen man die Videos von Mordanschlägen mit Punkten bewerten kann. Hitlisten des Hasses. Um diesen Hass zu heilen, braucht es noch viele Anti-Hass-Tage.

Wann wird es Morgen? „Der Morgen beginnt“, sagt der Rabbi, „wenn du in das Gesicht irgendeines Menschen siehst und darin deine Schwester oder deinen Bruder erkennst. Bis dahin ist es Nacht.“