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Keine Angst vor der dunklen Seite der Macht

Am Samstagabend sind sie wieder da: Kinder mit Vampirzähnen und Hexenhüten stehen vor meiner Haustür und rufen „Süßes oder Saures“. Halloween. Als evangelischer Pfarrer bin ich an dem Tag eigentlich auf einem anderen Trip: 31. Oktober, Reformationstag, Martin Luther und so. Das passt nicht zusammen, oder? Ich finde: doch. Beide Tage haben mit Angst zu tun.

An Halloween wird mit der Angst gespielt. Der Vampir mit schlechtsitzendem Plastikgebiss kann nicht beißen. Die Grusel-Deko an der Tür braucht einen Bewegungsmelder mit Akku. Das Böse spielerisch bannen: eine uralte und kluge Strategie. Der Name „Halloween” ist übrigens christlich: „All Hallows’ Eve“ – der Abend vor Allerheiligen.

Und Martin Luther? Der war zeitlebens ein Meister der Angst. Gespielt war da allerdings nichts. Als junger Mann gerät er in ein Gewitter, der Blitz schlägt neben ihm ein, Todesangst – er geht ins Kloster. Aber die tiefsitzende Furcht, vor Gott und der Welt nicht zu genügen, verlässt ihn da auch nicht. Das Gefühl, dem eigenen Leben hinterherzulaufen, Fehler zu machen. Wer heute Leistungsdruck und Dauerstress kennt, versteht ihn.

Luther bekam seine Angst erst in den Griff, als er entdeckte: Ich muss mir die Liebe Gottes gar nicht verdienen. Ich hab sie schon. Ich bin etwas wert, auch wenn ich nicht perfekt bin. Das ist der Kern der Reformation. Und politischer, als es klingt. Denn: Angst ist heute ein Geschäftsmodell. Politiker, Medien, Werbung: Viele leben davon, uns Angst zu machen. Wer Angst verbreitet, braucht keine Argumente. Das ist die wahre dunkle Seite der Macht. Luthers Antwort, im Lied „Ein feste Burg“: „Und wenn die Welt voll Teufel wär, so fürchten wir uns nicht so sehr.“ Er sagt nicht: wir fürchten uns „gar nicht“. Er sagt: „nicht so sehr“. Das ist ehrlich. Denn kein Mensch lebt furchtlos, ohne Angst. Auch nicht ein gläubiger Christ. Die Angst darf da sein, aber sie darf mich nicht beherrschen. Dafür braucht es weder Mut noch Heldentum, nur ein Gegenüber, das mich hält.

Wenn also am Samstag Kinder klingeln und „Süßes oder Saures“ rufen: Da stehen keine Monster, da stehen Menschen, die mit ihrer Angst spielen. So wie ich heute mit der Plastik-Spinne an meinem Revers. Geben Sie den Kindern etwas Süßes. In der Gewissheit: niemand kann tiefer fallen als in die Hand Gottes.

 

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