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Dritte Reihe

Hakenkreuze auf der Kirchenbank. Nach einem Gottesdienst hat mich ein Besucher darauf aufmerksam gemacht. Dritte Reihe. Jemand hat sie dort eingeritzt. Nicht eins. Gleich drei. Wer es war, weiß ich nicht. Ich war sprachlos. Ich dachte immer: Unsere Kirche ist ein Raum, in dem Menschen so kommen dürfen, wie sie sind, und sich sicher fühlen. Jetzt muss ich mir eingestehen: Unter denen, die sonntags vor mir sitzen, sind offenbar auch Menschen, deren Haltung ich in keiner Weise teile. Kirche ist kein Schutzraum vor der Wirklichkeit.

Nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin frage ich mich: Ist das, wovor wir mit „Nie wieder“ warnen, näher, als wir denken? So nah wie diese Bank, dritte Reihe. Was tun, ohne zu verzweifeln? Wohin den Blick richten? Ich schaue auf meine Jugendlichen. Die Reporter-AG der Galileo-Schule in Bexbach hat die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“ im Ort erforscht. Sie hat die Biografien dieser ermordeten kranken und behinderten Menschen ans Licht gebracht. Für zehn der bisher achtzehn bekannten Opfer wurden im Juni Stolpersteine verlegt. Am 4. September haben unsere Konfis im ökumenischen Gedenkgottesdienst ihre Lebensgeschichten vorgelesen. Schon in der Vorbereitung war zu spüren, wie nah ihnen diese Schicksale gehen. Aber als Angehörige der Opfer nach dem Gottesdienst zu ihnen kamen und sich bedankten, habe ich gesehen, wie sich etwas in ihren Gesichtern verändert hat. So wird „Nie wieder“ von einer Floskel zu gelebter Solidarität und Verantwortung. Für mich als Christin heißt das ganz konkret: Zuhören, wenn jemand seine Geschichte erzählt. Hinschauen, wo andere wegsehen. Jedem Menschen seine Würde lassen, auch denen, an die sich lange niemand erinnern wollte.

Und dann höre ich, dass im Stadtrat von Heidenau in Sachsen AfD, CDU und eine Bürgerinitiative gemeinsam einen Antrag gegen neue Stolpersteine eingebracht haben. Und dass er beschlossen wurde. Da weiß ich wieder, warum diese Lebensgeschichten so wichtig sind: sie halten die Erinnerung mitten in unserer Gesellschaft.

In eine Bank wurde Hass geritzt. Anonym. Meine Konfis haben Namen der Opfer ausgesprochen. Laut. „Nie wieder“ ist keine Floskel. Es ist ein Auftrag. Und er beginnt damit, dass wir aufstehen und den Mund aufmachen.