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Eine große Kinderfrage

Neulich hab ich meinen Sohn ins Bett gebracht. Diesmal wollte er, dass ich ihm aus dem Buch „Einfach nett“ vorlese. Es geht im Buch darum, wie wir die Welt besser machen, wenn wir einfach nett zueinander sind. Viele nette Illustrationen von 38 netten Illustratoren, dazu einprägsame Sätze für Kinder. Einer lautet: „Manche Menschen haben sehr schwere Zeiten durchgemacht. Sie mussten ihr Zuhause und ihr Land verlassen, weil ihr Leben dort in Gefahr war. Sie sind mutig und tapfer und haben außergewöhnliche Geschichten zu erzählen.”

Als ich das vorlese, unterbricht mich mein Sohn „Mama, warum sind manche Menschen in Gefahr?”

Ganz schön große Frage. Wie erkläre ich einem Fünfjährigen, warum es auf der Welt Krieg und Gewalt gibt? Da muss ich erst einmal meine Gedanken sammeln.

Ich versuche es so: „Naja, weißt du, es gibt Teile auf dieser Erde… da gibt es nicht genug zu essen oder zu trinken. An manchen Orten werden Häuser zerstört. Und es gibt leider auch Menschen, die einfach anderen wehtun wollen.”

Mein Sohn schweigt. Mit großen Augen starrt er mich an und fragt: „Mama, warum wollen manche Menschen was zerstören?”

Ich erzähle ihm davon, dass es Menschen gibt, die Befehlen folgen. Dass manche mehr Macht und mehr Geld haben wollen. Aber eigentlich ist die Frage viel zu groß für mich. Und für meinen Sohn auch. Das merke ich. Und gleichzeitig wird mir bewusst, wie behütet mein Kind aufwächst. Dass seine kleine Welt ein sicherer Ort ist. Was mich nachhaltig beschäftigt: Dass ein fast fünfjähriges Kind sich so eine große, philosophische Frage stellt. „Warum wollen manche Menschen was zerstören?”

Ja, warum wollen Menschen was zerstören… Das lässt mich nicht los. Und ich predige sonntags doch oft, dass alle Menschen von Gott im Wesen gut geschaffen sind. Dass Gott diese Welt zum Guten angelegt hat. Dass eigentlich genug für alle da ist. Gleichzeitig haben Menschen einen freien Willen. Der beschäftigt mich schon lange. Das begann bereits im Studium. Ich habe Bücher von Philosophen und Theologen gelesen. Was heißt es einen freien Willen zu haben? Einige dieser Denkerinnen beschreiben den freien Willen als etwas, das aus einem Mangel heraus entstanden ist. Dass der Mensch mit einer Art Loch im Herzen auf die Welt kommt. Eins, das erst gefüllt werden muss, bevor er in der Lage ist, Gutes zu tun. Zwar ist die Erklärung noch nicht ausreichend dafür, warum manche Menschen dann böse und zerstörerisch werden… Aber ich glaube: Es ist eine ganz gute Annäherung.

Besonders die ersten zwei Lebensjahre bestimmen uns Menschen maßgeblich. Werden wir gut umsorgt? Fühlen wir uns sicher bei unseren Bezugspersonen? Werden unsere Bedürfnisse erfüllt – Schlaf, Sauberkeit, Hunger, Nähe?

„Mama, warum wollen manche Menschen was zerstören?”

Ich merke, wie es an mir nagt. Dieser freie Wille, den die Menschen haben. Den ich doch Gott zuschreiben will. Und genauso daran glauben will, dass die Welt ein guter Ort ist. Dass Gott uns Menschen als sein Ebenbild angelegt hat. Ich glaube eigentlich daran. Denn ich begegne vielen Menschen, die Löcher im Herzen hatten. Wegen einer schweren Kindheit. Wegen Krankheit oder einem Mangel an Liebe. Oder, oder, oder… Und doch sind es gute Menschen geworden. Sie achten auf andere. Kümmern sich. Gleichzeitig sehe ich die, die zerstören. Die ihren freien Willen dazu nutzen, andere in Gefahr zu bringen. Die nur mehr Macht und Geld anhäufen, um wieder Menschen zu schaden. Das macht es mir manchmal schwer am Glauben festzuhalten. Meistens halte ich es aus. Manchmal fällt es mir schwer zu erklären. Und manchmal bitte ich Gott um die Kraft, etwas tun zu können. Etwas verändern zu können. Vielleicht frage ich nächstes Mal meinen Sohn:

„Was denkst du, wie können wir die Welt besser machen?“