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Tempel Gottes

Der längste Weg im Schwimmbad führt manchmal nur vom Handtuch bis zum Becken. Ein paar Meter. Und doch kosten diese paar Meter mehr Überwindung als der Sprung ins kalte Wasser. Das Handtuch bleibt noch einen Moment um die Hüften. Der Bauch wird eingezogen. Der Blick geht kurz nach rechts, kurz nach links. Erst dann geht’s los.

Ich kenne diesen Moment. Denn im Schwimmbad wird nicht nur geschwommen. Es wird beobachtet. Andere. Und man selbst.

Im Winter verschwindet vieles unter Pullovern und Jacken. Der Sommer dagegen, der zeigt den Körper. Jetzt ist alles sichtbar. Die gebräunte Haut. Das Tattoo. Die Muskeln. Die Narbe am Knie. Der Kaiserschnitt. Die grauen Haare. Die Figur, die einmal anders war. Der Blick wandert fast automatisch. Und mit ihm die Vergleiche. Er sieht sportlicher aus. Sie ist schlanker.

Warum habe ich bloß… Der Satz wird im Kopf meistens nicht einmal zu Ende gedacht. Der eigene Körper wird zu einem Objekt. Etwas, das bewertet wird. Möglichst sachlich. Oft gnadenlos.

Der Körper als Objekt – das ist übrigens gar keine neue Erfindung. Früher wurde der Körper aus anderen Gründen kritisch gesehen. Er sollte nicht auffallen. Schmuck war verdächtig. Schöne Kleidung auch. Der Körper musste im Zaum gehalten werden.

Heute soll er das Gegenteil leisten. Attraktiv sein. Fit. Gesund. Jung. Möglichst faltenfrei.

Die Maßstäbe haben sich geändert. Der Druck ist geblieben.

Und noch etwas ist gleichgeblieben. Der Körper wird benutzt. Mal als Aushängeschild. Mal als Gegner. Mal als Projekt. Aber selten einfach als das, was er ist.

Ein alter Satz aus der Bibel, vom Apostel Paulus, ist in dem Zusammenhang überraschend. Er schreibt: „Euer Leib ist ein Tempel Gottes.”

Lange konnte ich mit diesem Bild nichts anfangen. Inzwischen höre ich einen ganz anderen Satz mit: „Der Mensch hat keinen Körper. Der Mensch ist sein Körper.“

Das klingt schlicht. Aber dieser Satz verändert den Blick.

Dieser Körper hat mich durchs Leben getragen. Mit ihm habe ich als Kind laufen gelernt. Mit ihm habe ich gearbeitet. Beim Sport geschwitzt. Geliebt. Menschen umarmt. Nächte durchwacht. Gelacht, bis der Bauch weh tat. Und manchmal geweint.

Alles, was das Leben ausmacht, geschieht nicht neben dem Körper. Es geschieht in ihm.

Deshalb erzählen Körper Geschichten. Die Narbe am Arm. Die krummen Finger. Das künstliche Hüftgelenk. Die Falten im Gesicht.

Nichts davon macht einen Menschen weniger wertvoll. Im Gegenteil. Es erzählt davon, dass jemand gelebt hat. Dass jemand geliebt hat. Dass jemand Verletzungen überstanden hat.

Der Wert eines Menschen hängt nicht an seiner makellosen Haut. Nicht an der Anzeige auf der Waage. Nicht daran, wie schnell er noch laufen kann oder wie glatt sein Gesicht geblieben ist. Jeder Mensch behält seine Würde. Mit zwanzig. Mit siebzig. Gesund. Krank. Kräftig. Zerbrechlich. Versehrt.

Seit ich das so sehe, schaue ich im Schwimmbad anders hin. Ich sehe nicht nur Körper. Ich sehe Menschen. Jeder bringt seine Geschichte mit auf die Liegewiese. Und plötzlich wirkt dieser Ort erstaunlich friedlich. Niemand muss schöner sein als der andere. Niemand muss beweisen, dass er mithalten kann. Es reicht, da zu sein. Im eigenen Körper. Mit allem, was zu ihm gehört.

Wenn ich dann ins Wasser gehe, bleibt für einen Moment auch der Vergleich am Beckenrand zurück.

Und der Weg vom Handtuch bis zum Becken fühlt sich ganz leicht an.