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Dosenmilch trinken

Ich stehe mit einer Gruppe am Hauptbahnhof. Wir sind in absoluter Reisestimmung. Gleich geht es los, das ganze Wochenende liegt noch vor uns. Um mich herum herrscht ein lautes Gewusel aus Vorfreude, Schritten und Stimmen.

Und dann sehe ich aus dem Augenwinkel einen jungen Mann. Er ist in einem scheinbar sehr schlechten Zustand. Er öffnet kleine Päckchen und trinkt sie aus. Was trinkt er da? Als ich näher herankomme, erkenne ich es: Es ist Dosenmilch. Winzige, abgepackte Portionen, die er sich wohl in den umliegenden Cafés mitnimmt.

Ein furchtbarer Anblick. Ich frage mich selbst: Habe ich schon mal pure Dosenmilch getrunken? Eigentlich schmeckt sie mir nicht einmal im Kaffee. Sie hat super viel Fett, ist extrem süß und schmeckt irgendwie künstlich. Aber dieser Mensch hat in diesem Moment wohl einfach nichts Anderes zu essen oder zu trinken als diese kostenlose Dosenmilch, die beim Kaffee übrigbleibt.

Was ist das für eine Welt, in der junge Menschen Dosenmilch trinken müssen? Ich stelle hier heute keine Schuldfragen. Aber ich nehme schmerzhaft wahr: Leben kann eben auch bedeuten, Dosenmilch zu trinken.

Ich bin von Herzen dankbar, dass es bei uns ein Sozialsystem gibt, das Menschen in Not wirklich helfen kann. Und mir wird in diesem Moment wieder klar, in was für einer absolut privilegierten Lage ich selbst bin: Ich trinke heute frische Milch in einem heißen Kaffee.