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Pfefferminztee

„Ja, sagen Sie mal, reicht Ihnen nicht der Fencheltee? Sie wollen ja wirklich jeden Tag was anderes!“, sagt die Krankenschwester ungeduldig zu der jungen Frau, die heute Morgen schon wieder geklingelt hat, obwohl sie doch gerade erst das Frühstückstablett hingestellt bekommen hatte.

Als Klinikseelsorgerin höre ich den genervten Unterton der Schwester. Ich wollte eigentlich der jungen Frau nur einen guten Tag trotz Chemo wünschen. Jetzt stehe ich perplex an ihrem Bett und wir sind beide ohne Worte. Die Patientin kommt zurzeit leider nicht mal selbst bis zur Teestation, weil die Krebsbehandlung sie ans Bett gefesselt hat. Aber was auch immer sie zum Klingeln bewegt, wieso braucht es morgens schon so eine Antwort?! Klar, Pflege ist anstrengend und manchmal fällt Geduld schwer zwischen Routine und all dem, was im Krankenhaus erwartet wird. Nur: wer klingelt schon zum Spaß, wenn er oder sie da liegt? Während ich noch über die Schwester nachdenke, laufen der jungen Frau die Tränen aufs Frühstückstablett: „Das geht ja schon wieder gut los, ich kann Fenchel und Kamille einfach nicht riechen zurzeit, warum fragt sie nicht einfach vorher?“ „Hey, Sie können nichts dafür“, sage ich, um sie zu trösten, „vielleicht ist die Pflegekraft heute Morgen mit dem falschen Fuß aufgestanden oder der Arzt hat schon früh zu viele Aufträge für die Pflege dagelassen.“

Während ich noch nachdenke, wie schwierig es schon zur Frühstückszeit in einer Klinik sein kann, sagt die Bettnachbarin der jungen Frau: „Du bekommst den Tee, den Du möchtest, ach ja, welchen denn?“ sie ist schon an der Tür: „ich kann ja auch gehen und vielleicht der Schwester etwas abnehmen.“ „Pfefferminz wär‘ cool, danke“, sagt die junge Frau zu ihrer Mitpatientin und wischt sich die Tränen von der Wange. Oh, Trost scheint plötzlich so einfach. Mir fällt da Jesu schlichter Satz ein: „Selig seid Ihr, wenn Ihr Leiden merkt und tragt!“

Jeden Tag etwas anderes wollen dürfen, weil dann da doch jemand ist, der mir den Wunschtee holt!

Miteinander auf einer Krebsstation liegen müssen und trotzdem tröstlich handeln können! Sogar die morgendlich unwirsche Art der Schwester einfach mit einer Geste überwinden! – was mir als Seelsorgerin dieser frühe Besuch schon alles geschenkt hat: Leiden merken und Leiden tragen scheint sogar zusammen da sein zu können. Das ist dann tröstlich und es gibt den Tee, den es eben heute braucht!

„Ja, kann sein: zurzeit möchte ich jeden Tag etwas anderes und manchmal sogar noch öfter“, so erklärt mir die junge Patientin -jetzt mit frischem, duftendem Pfefferminztee aus ihrem Nachttisch. „Und ich habe eigentlich beschlossen, dass das jetzt eben so ist, aber wenn dann jemand so gar keine Lust zu haben scheint, dann ist das verletzend. Wünschen können hält schließlich lebendig.“ Stimmt: Wünsche haben dürfen, obwohl ich Leid trage, bringt Abstand zu allem Leidvollen – auch in mein Leben. Wenn das nicht die Seligkeit ist, von der Jesus redet! Und: Merken, wie jemand neben mir gerade mit einer Verletzung in der Seele ringt und dann einfach die Tür ins Leben öffnen und fragen, was es gerade Tröstliches braucht: wie selig!

Ach ja, die Schwester in ihrer schwierigen Stimmung nicht zu vergessen: eventuell überfordert sein von all dem, was man da so merken könnte beim morgendlichen Rundgang und dann sehen, wie eine, die selbst Leid trägt, Pfefferminztee über den Flur bringt. Ich hoffe, sie konnte lächeln, weil die Seligkeit auf sie ausstrahlte. Selig seid Ihr, wenn Ihr Leiden merkt und tragt! Soll gar nicht so schwer sein, habe ich morgens beim Besuch auf der Krebsstation erfahren und probiere das gern mutiger als bisher aus: den Duft von Pfefferminztee hab ich dabei in der Nase!