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Tragik und Vergebung

Manchmal bilde ich mir etwas auf mein Mitgefühl ein. Wenn es meinem Kind nicht gut geht – das spüre ich. Und wenn ein Tier meine Hilfe braucht, dann bin ich da. Ich leide mit. Ich bin empathisch!

Die Fähigkeit zum Mitgefühl – sie macht mich menschlich. Manche sagen, Gottebenbildlichkeit liege nicht im Aussehen des Menschen, sondern in seinem Ansehen: So, wie der Mensch die Welt anschauen kann, das ähnelt Gottes Blick auf seine Schöpfung: liebevoll, geduldig, hilfsbereit, eben empathisch.

Na ja, ich habe da so meine Zweifel.

Manches Mitgefühl endet schnell, wenn es auf Interessen trifft. Oder ich spüre, dass jemand leidet, kann aber nichts tun. Ich kann mein Nicht-Können aber auch nicht akzeptieren. Und so sehr ich manchmal mitfühle, verstehe ich doch längst noch nicht die Ursachen des Leids. Geschweige denn, dass ich eine Lösung wüsste. Empathie – oft genug führt sie in tiefe Ausweglosigkeit. Oder das Pendel schlägt um zur inneren Kälte. Nach dem Motto: „Man kann ja eh nix machen.“

Mein Mitgefühl – mitunter macht es mich auch überheblich. Dann rede ich von der Rettung der Schöpfung. Dann glaube ich, ich schaute von außen auf die Welt. Ich beuge mich wie ein Arzt über den Patienten, der ich doch selber bin. Dabei bleibt doch alles Sehen, alles Fühlen und Ahnen nur eine sehr begrenzte Innenansicht.

Empathie überfordert. Empathie überfordert schlechthin. Ich kann und ich soll etwas zum Guten tun. Aber ich bin nicht Gott. Ich kann nur scheitern und in dieser Tragik brauche ich Mensch – Gottes Vergebung.

Wie zum Beispiel neulich in der Ostsee. Mitfühlende Menschen als tragische Figuren in einer tragischen Geschichte. Da strandet ein großer Wal an unseren Küsten. Wie kommt er dorthin? Hat er sich verirrt? Oder ist es seine Absicht? Und wenn ja, warum? Viele leiden mit. Die einen sagen: „Lasst der Natur ihren Lauf.“ Die anderen entgegnen: „Menschen sind schuld an seinem Leid, jetzt müssen Menschen etwas für ihn tun!“

Sie geben ihm einen Namen und graben eine Rinne hinaus ins offene Wasser. Aber das Tier dreht um und strandet wieder: einmal, zweimal, ein drittes Mal. Nun heißt es: „Wir lassen ihn in Ruhe sterben!“ Aber diesem Sterben zusehen? Für mache unerträglich. Er bekommt einen zweiten Namen, und Berufene eilen herbei, erklären sich zu Experten, zanken miteinander um den Platz ganz vorn beim Wal. Sie setzen alle Hebel in Bewegung, haben scheinbar Erfolg und scheitern doch. Am Ende liegt ein toter Riese am Strand vor Anholt. Alle wussten sie zu wenig, um das Richtige zu tun.

Vorgestern barg man seine sterblichen Reste. Vielleicht wäre jetzt die Zeit, ein paar Grenzen einzusehen und demütig einander zu vergeben. Gott hält Mensch und Tier in seinen Händen – im Leben wie im Sterben. Er beugt sich über unser Scheitern und vergibt.

Aber nein, der Streit geht weiter. Man will ja Recht behalten. Tragische Figur Mensch, fast habe ich schon Mitgefühl mit dir: Einst erlegten wir über 150.000 Buckelwale, weil Lebertran gesund sei. Diesen einen konnten auch hunderttausende Euro nicht daran hindern, einfach so zu sterben, ohne uns zu erklären, warum.

Na ja, vielleicht wollte Gott uns etwas Demut lehren, und allen scheiternden Rettern dieser Welt seine Vergebung anbieten.