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Rolltreppe

Komme ich wieder mal nach Hamburg, fahre ich hinauf zur Elbphilharmonie. Auch ohne Konzertticket lohnt ein Blick hinunter auf den Hafen. Die Aussicht vom Dach des alten Speichers ist eintrittsfrei. Klassik-Fans und Kreuzfahrt-Passagiere, Einheimische, Stadttouristen oder Musical-Besucher – wer hinunterschauen will, der muss zuerst hinauffahren. Und dazu gibt es die vielleicht berühmteste Rolltreppe Deutschlands.

Die Rolltreppe der „Elphi“ in Hamburg. Sie sei die einzige bogenförmige der Welt. Das sagt zumindest der Hersteller. Sicher aber ist sie eine der längsten Rolltreppen Europas, ganze 82 Meter lang! Vom Anfang sieht man das Ende nicht. Man fährt hinauf durch einen hellen Tunnel – weiß gestrichen, mit tausend Spiegeln an der Decke. So steige ich ein und denke mir: wie eine kleine Himmelfahrt! Eine Reise von fast drei Minuten, die mich innehalten lässt.

Denn hier in diesen drei Minuten kommen mir allerhand Menschen entgegen. Wie in Zeitlupe fahren sie auf mich zu. Menschen jeder Herkunft und jeden Alters, in Gruppen und allein. Fast einhundert mögen es sein. Es sind Menschen, die ich nicht kenne, Gesichter, die mir nichts sagen. Oder vielleicht doch?

Einhundert Augenblicke, einhundert Chancen, dass wir uns schon mal begegnet sind. Meine Kindergartenfreundin würde ich bestimmt nicht wiedererkennen. Oder den Jungen, den ich im Zivildienst betreuen durfte. Ich habe in Wohngemeinschaften gelebt, war den Zimmernachbarn nahe, und habe sie dennoch aus den Augen verloren. Dafür blühen andere Freundschaften bis zu diesem Tag.

Die Elbphilharmonie, das ist ein Konzertsaal erbaut auf dem Dach eines ehemaligen Lagerhauses. Upcycling! Ich denke mir, auch das kann dir passieren: dass eine alte Beziehung nach Jahrzehnten einen neuen Sinn bekommt, weil sich die Zeiten geändert haben. Verstaubte Noten, neu entdeckt. Mit manchen Leuten spielst du ewig. Mit anderen vielleicht nur ein paar Takte, aber ihre Töne bleiben in dir.

Ich schaue zu den Spiegeln an der Decke: So viele Menschen, von denen ich einst lernen durfte, werden mir hier nicht mehr begegnen. Sie sind gestorben. Dafür kämen mir die Kinder, deren Lehrer ich mal war, heute als Erwachsene entgegen. Habe ich ihren Blick geprägt? Wer würde gern mit mir auf den Hafen schauen? Wem war ich unbewusst ein Tor zur Welt?

Das Ende meiner Fahrt kommt näher. In nachmittäglicher Sonne liegt der Ausgang. Drei Minuten Zeitreise sind fast vorbei.

In der Bibel betet ein Mensch zu Gott und sagt: „Meine Zeit steht in Deinen Händen.“ Tröstlicher Widerspruch. Denn meine Zeit steht nicht. Zumindest für mich Reisenden bleibt sie ständig in Bewegung. So wie der Strom der Menschen auf der Rolltreppe einen Stillstand nicht zu kennen scheint. Aber das Wunder, dass es mich gibt, hat einen Anfang und ein Ende. Und es tut gut mir vorzustelle, dass es einen Gott gibt, der weiß, wo diese Treppe steht. Einen Gott, der meinen Anfang und mein Ende kennt, und meiner Zeit in seinen Händen einen Ort gibt.

Ich trete hinaus an die Brüstung. Vor mir liegt die Elbe im Gezeitenstrom. Wer weiß, wie oft ich noch hier stehen werde? Vielleicht sogar einmal mit Tickets in der Hand?

Das wäre schön, aber nicht nötig. Ich danke dir, Gott, für den Weg hier hinauf und den Blick auf Hamburg. Ich danke dir für die Menschen auf der Gegenbahn, deren Zeit wie meine – in Deinen Händen steht.