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Ich weiß

„Ich weiß, ich weiß…“ – schon ziemlich genervt reagiert mein Sohn, als ich ihm wiederholt sage, was er eigentlich längst erledigen sollte. „Ich weiß“ – das klingt aus meinem Munde auch manchmal resigniert. Zum Beispiel, wenn ich feststelle, dass mein Wissen über etwas nicht zu sinnvollem Handeln führt. Es gibt einiges, was ich zwar weiß, aber dennoch nicht besser mache. Bewegung, Ernährung, Entschleunigung, Klimaschutz. Wissen ist das Eine, tun das andere. Ich kann mich wahnsinnig über andere aufregen, die zwar wissen, dass man blinkt, wenn man die Fahrbahn wechselt oder parken will – es aber nicht tun. Und wie viele fahren über eine rote Ampel. Da kann keiner sagen: „Ach, darf man nicht? Das hab ich nicht gewusst!“ Leider beobachte ich das täglich. Alle wissen, dass es nicht richtig ist und im schlimmsten Fall anderen und sich selbst schadet. Aber sie machen es trotzdem. Und ich letztens ja auch…

Ich weiß, ich weiß. Die Vorstufe zum Wissen ist die Intuition. Sie ist eine Art nebulöses Frühwarnsystem. Sie macht unser Gewissen fühlbar.

Um mich daran zu erinnern, hängt in meinem Büro eine Karte. Darauf steht: „Hab‘s dir doch gleich gesagt. Mit freundlichen Grüßen, deine Intuition.“

Es gibt in uns ein tiefes Wissen über das Leben, das über Fakten hinausgeht. Es speist sich aus Erfahrungen, aus Begegnungen und für mich auch aus der spürbaren Nähe Gottes. Das ist kein Wissen zum Nachschlagen. Es ist eine Haltung. Die Entscheidung, wie ich mich zur Welt verhalte – oder, wann ich bewusst Abstand halte. In einer Welt, die auf Messbares setzt, wird dieses „innere Wissen“ oft als spirituelle Träumerei belächelt. Und doch gibt es Sätze, die jeder Statistik trotzen.

Am Grab meines früheren Kirchenkreischefs steht auf dem Stein: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ Es ist ein Vers aus der Bibel, aus einem schwierigen, emotionalen und leidvollen Buch des Menschen Hiob. Hiob – das ist die biblische Urgeschichte des Leidens. Ein Drama, und ehrlich, am liebsten lese ich die letzten Verse, weil es vorher kaum zum Aushalten ist, was der Mann alles mitmacht.

Schon als Jugendliche hat mich das fasziniert. Da steht nicht: „Ich vermute, dass mein Erlöser lebt“, „ich hoffe“ oder „vielleicht“. Da steht: „Ich weiß.“ Es ist die Sprache der absoluten Gewissheit. Der Komponist Lothar Kosse hat diese Worte in ein Lied gefasst, das mich bis heute tief berührt. Für mich ist es der Inbegriff von Ostern – und der Hoffnung für die Zeit danach.

Dieses „Ich weiß“ bedeutet: Für mich gibt es keinen Zweifel daran, dass diese Welt eben nicht verloren ist. Nicht mit all jenen Menschen, denen ich täglich begegne. Denen, die ich liebe – und ja, auch jenen, die mir an der roten Ampel das Leben schwermachen.

Manches im Leben bleibt unglaublich. Aber es ist dennoch wahr. Ich weiß es einfach.