Die Bienen über dem Grab
Emma sitzt in der ersten Reihe – erst auf dem Stuhl, dann auf Papas Schoß. Sie sieht seine Tränen, spürt, wie fest er sie drückt. Später, beim Gang zum Grab, entdeckt sie am Wegrand einen Krokus. Er hat genau die gleiche Farbe wie die lila Urne ihrer Uroma. Emma lächelt und wirft eine Schaufel Erde hinterher.
Über uns in den Ahornbäumen summen die Bienen so laut, dass es wie ein vibrierender Strommast klingt. Mitten auf dem Friedhof: ein Ausbruch von Leben. Emma zeigt die Bienen ihrer Oma. Beide staunen.
Oft werde ich gefragt: „Soll man Kinder mit auf Beerdigungen nehmen?“ Meine ehrliche Antwort: Ja. Wir nehmen ihnen eine wichtige Erfahrung, wenn wir sie ausschließen.
Kinder dürfen sehen, dass Papa weint, wenn er traurig ist – und dass das okay ist. Sie erleben, wie wir über Verstorbene lachen oder den Kopf schütteln, auch wenn sie nicht zurückkommen. Sie lernen, dass wir auf dem Friedhof das Lebendige entdecken dürfen und dass Umarmungen fester werden, wenn wir gerade etwas verloren haben. Emma hat an diesem Tag gespürt: Es ist etwas Wichtiges passiert. Und es war gut, dass sie dabei war.