Abendrot
Wir stehen vor dem Krankenhaus und betrachten die untergehende Sonne. Zwei Mädchen von der Kinderstation und ich, die Krankenhausseelsorgerin. Ein atemberaubendes Abendrot lässt den Himmel strahlen.
„Glaubst du, dass Gott die Sonne gemacht hat? War das seine Idee, Tag und Nacht?“ fragen mich die beiden.
Eins der Mädchen antwortet selbst: „Kann ich mir zwar alles nicht vorstellen, aber es sieht wirklich so schön aus!“
Ich sehe förmlich, was sie denken: Das kann eigentlich gar nicht anders gekommen sein als von Gott.
Ich erzähle den beiden: „Meine Oma hat immer gesagt, dass die Engel Brot backen, wenn wir den Himmel abends rot leuchten sehen.“
Die zwei Mädchen, mit denen ich da aus der Eingangstür spähe, weil die Station meint, sie könnten mal Abwechslung vertragen, müssen viel Zeit ihres jungen Lebens hier im Krankenhaus verbringen. Geduldig müssen sie sein. Und tapfer. Immer wieder werden ihre Medikamente neu eingestellt. Es berührt mich: die beiden Mädchen können immer noch staunen und fragen. Trotz allem. Sie wagen es, in den roten Abendhimmel hinein ihre Fragen und Gedanken zu sprechen: „Okay, wenn da oben Engel sind, dann sollen sie meinem Opa auch ein Brot backen, der ist nämlich auf alle Fälle im Himmel, weil der immer so lieb zu mir war. Leider ist er schon gestorben, sonst hätte er mich hier besucht.“
Und die andere fragt mich: „Glaubst Du das denn mit den Engeln? Die könnten ruhig mal mit uns reden, finde ich.“
Als ich gerade noch nach einer passenden Antwort suche, sagt die erste: „Weißte, Abendrot ist doch wie Reden: ein Zeichen des Himmels, das so schön ist – tröstet irgendwie, als wäre da wirklich ein wärmender Sonnenofen für die Engel an, und für uns eben auch ein bisschen.“
Wir sehen uns an und sind still, bevor wir wieder auf Station gehen.
Als ich die beiden verabschiede, wünsche ich ihnen eine gute Nacht, in der Gottes Engel sie behüten mögen. Ich danke ihnen lächelnd für diesen schönen Abendrotmoment: „Wisst Ihr, jetzt glaube ich noch viel lieber, dass Gott alles erschaffen hat. Schließlich reden durch das Rot der Sonne ja die Engel mit uns. Das hab ich von euch gelernt.“
Die beiden tapferen Mädchen haben mir eine Lektion erteilt: wie oft gehe ich zur Arbeit und rechne mit den Sorgen und Zweifeln der erkrankten Menschen. Hier aber habe ich zwei angetroffen, die mich gewiss machen: „Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang redet Gott mit der Welt!“
So heißt es in einem alten Gebet. Wer weiß, was unsere Mütter und Väter im Glauben Gott so alles fragten. Bei ihrem Blick in den Himmel und das Abendrot. Wer weiß, was sie vielleicht plötzlich verstanden oder sich untereinander erzählten.
Mag sein, dass Englein Brot backen oder auch nicht, jedenfalls kann der abendrote Himmel Staunen schenken. Ich blicke jetzt aufmerksamer gegen Abend in den Himmel und lege Gott – und seinen Engeln – meine Fragen, Bitten und Sorgen zu Füßen. Wie tröstlich: „Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang redet Gott mit der Welt!“
Lassen Sie sich von diesem Gott und seinen Engeln doch auch ein Brot backen! Ich bin sicher: Es stärkt mit dem weiten Horizont des neuen Jahres mindestens die Seele für die nächsten Schritte, die Ihr Leben gerade erfordert. Woher ich das weiß? Von den Mädchen, die im Abendrot den wärmenden Sonnenofen entdecken konnten.