Beiträge

Erinnerungen ans Paradies

„Erinnerungen sind das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.“ Das hat der Schriftsteller Jean Paul vor gut 200 Jahren geschrieben. Und ich finde, er hat damit genau ins Schwarze getroffen. Denn gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit erwische ich mich dabei, wie sie zurückkommen: Paradiesische Erinnerungen an längst vergangene Tage. An längst vergangene Weihnachten. An die Zeit, als ich selbst Kind war.

Diese Erinnerungen kommen ganz plötzlich. Ich höre durch Zufall dieses eine Lied im Radio, das schon bei meiner Oma in der Weihnachtszeit lief. Und plötzlich sitze ich wieder bei ihr am Küchentisch – dem mit dem rotkarierten Wachstischtuch – und knabbere so viele Plätzchen, bis mir schlecht wird. Oder ich rieche diesen einen Geruch. Diesen Duft, den nur alte Lichterketten haben, wenn sie ein Jahr lang verknotet auf dem Dachboden lagen. Und ich bin wieder fünf und helfe meinem Vater beim Baumschmücken. Oder ich höre das Rascheln von Geschenkpapier und sitze wieder mit meiner Mutter auf dem Sofa und schaue hilflos zu, wie die Katze unsere Geschenke auspacken will – lange bevor dieses kleine Glöckchen klingelt, das für uns Kinder das Tor zum Weihnachtszimmer geöffnet hat.

All diese Erinnerungen, an die ich das ganze Jahr nicht denke, sind plötzlich wieder da. Mit einer ungeahnten Kraft. Und manchmal tut das auch weh. Weil Menschen fehlen. Weil Dinge sich verändert haben. Weil ich mich selbst verändert habe.

Früher war auch nicht alles gut. Und schon gar nicht perfekt. Aber vieles war – zumindest in meiner Erinnerung – leichter. Unbeschwerter. Genau das ist das Paradiesische an solchen Erinnerungen: dass sie manches mildern, manches glätten und uns Momente zurückgeben, die wir damals gar nicht als kostbar erkannt haben.

Heute ist vieles komplizierter. Schneller. Erwartungsvoller. Gerade an Weihnachten. Gerade dann, wenn die Gäste weg sind. Oder nie da waren. Wenn Geschenkpapier zusammengeknüllt in der Ecke liegt, der Abwasch sich stapelt und man das Radio lieber auslässt, weil die ganze Welt verrücktzuspielen scheint. Dann fühlt sich Weihnachten an wie ein Fest, das man aufräumen muss.

In der Bibel heißt es über Maria, die Mutter Jesu: Sie „bewahrte alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen“. Vielleicht ist das die älteste Weihnachtsbewegung überhaupt. Nicht Geschenke kaufen, nicht dekorieren, nicht funktionieren. Sondern bewahren. Nachklingen lassen. Erinnern.

Erinnerungen können heilsam sein. Sie verbinden mich mit den Menschen, die mich geprägt haben. Sie erzählen mir, wer ich gewesen bin – und auch, wer ich wieder sein könnte. Erinnerungen öffnen einen Raum, in dem ich spüre: Ich habe schon Licht erlebt. Und wenn es damals da war, kann es auch heute wiederkommen.

In diesen Erinnerungen leuchtet Gottes Nähe auf. Licht, das die Dunkelheit vertreibt. Ein Licht, das nicht laut ist. Das sich nicht aufdrängt. Das einfach da ist – manchmal in einem Lied, manchmal in einem Geruch, manchmal in einem Bild, das aus längst vergangener Zeit herüberweht.

Die Adventszeit lädt ein, die Erinnerungen nicht wegzuschieben, sondern ihnen Zeit zu geben. Denn manchmal führen sie uns nicht zurück – sondern weiter. Richtung Weihnachten. Richtung Hoffnung. Richtung Leben.