„Weihnacht? Jetzt erzähle ich!“
Teil 1, Autor
Wie alle Geschichten braucht auch die Botschaft von Weihnachten den eigenen Ton eines Menschen, der sie erzählt. Wer Weihnachten zur Sprache bringt, singt oder musiziert, der webt seine oder ihre eigene Geschichte hinein in die Erzählung von der Geburt des Gottessohns. Das ist gut so und geht auch gar nicht anders. Wir musizieren, singen und erzählen unweigerlich von uns und der Geschichte.
Meine Herkunft und Kultur, meine Sprache, meine Herzensthemen: sie gehören dazu. Diese Morgenfeier will dem Reichtum eigener Interpretationen des Weihnachtsthemas auf die Spur kommen. Mit Musik, die ein wenig neben Christmas-Pop und altbekannten Kirchenliedern zuhause ist. Weihnacht? Jetzt erzähle ich!
Musik 1: König Heinrich VIII: Green Grow’th the Holly, auf: Lindsey Horner, Susan Mc Keown, Trough the Bitter Frost and Snow, Fifty Fifty Music
Teil 2, Autor
Den Anfang macht ein englisches Liebeslied des 16. Jahrhunderts. Es wird König Heinrich dem VIII. zugeschrieben: Green Groweth The Holly. Efeu und Stechpalme, auf Englisch Ivy and Holly, wachsen auch im tiefsten Winter saftig grün. So wie der vielbesungene Tannenbaum – ein Symbol für eine Liebe, die aller Kälte und allen Anfeindungen widersteht. Symbol für Gottes Liebe zum Menschen, die sich in Jesus gezeigt hat.
Die amerikanische Indie-Band Calexico hat „Green Grows The Holly“ neu aufgenommen und dabei mindestens den halben Weg mitgenommen in ihre Heimat Arizona. Gesang und die Gitarre klingen nach Westcoast und die Trompeten vielleicht ein wenig nach Mexikanischen Mariachi.
Musik 2: Calexico: Green Grows the Holly, auf: Holidays Rule, Hear Music/Concord Music Group, 2012
Teil 3, Auto
Eigentlich ist der Brauch der Seelen-Plätzchen mit Allerheiligen verbunden. „Soul Cakes“, das sind, kleine runde Kuchen aus würzigem Teig, die im Mittelalter von Kindern in England und Irland in die Häuser getragen wurden. Im Gegenzug bat man um einen Apfel oder eine Pflaume und versprach, für die Seelen der Verstorbenen zu beten. Diesem Brauch konnte selbst die britische Reformation nichts anhaben. Noch heute ist das Soulin‘ in Teilen von Cheshire und Wales üblich. Ja sogar in Portugal und auf den Philippinen gibt es abgeleitete Formen.
Mit Weihnachten kommt die Soul-Cake Tradition erst viel später in Verbindung. Peter, Paul and Mary nahmen 1963 ihre Version von A‘ Soulin‘ auf. Mit „Hey Ho, Nobody Home“ stellten sie dem mittelalterlichen „Soul-Cake-Carol“ einen Weihnachts-Kanon voran, den wir als sommerliches „He-jo, spann den Wagen an“ kennen. Hier, in der amerikanischen Version, geht es ums Alleinsein am Weihnachtsmorgen und darum, dass jemand uns besucht hat, als wir am wenigsten damit rechneten.
Musik 3: Peter, Paul and Mary: A‘ Soalin‘
Teil 4, Autor
Aber mit Peter, Paul and Mary ist es noch nicht genug. Jetzt erzählt Sting, der britische Rockmusiker! Und er macht „Soul Cake“ endgültig zum Weihnachtslied, mit Schellenglocken und einem Bläsersolo nach dem Choral „God Rest You Merry Gentlemen“. Sting lässt dazu eine traditionelle Violine aufspielen, als Erinnerung an die Mischung aus Armut und Jenseitshoffnung, die gerade das irische Christentum über Jahrhunderte geprägt hat. Mitten in unserer Not ist Gottes Zukunft schon bei uns, als Seelen-Plätzchen und als Mensch, der uns nicht alleine lässt.
Musik 4: Sting: Soul Cake, If On A Winters Night, 2009
Teil 5, Autor
Ein anderer Kontinent, eine ähnliche Armut und dieselbe Weihnachtsgeschichte. Der Argentinier Ariel Ramírez widmete sein ganzes Musiker-Leben der traditionellen und der kreolischen Folklore seiner Heimat. Als das Zweite Vatikanische Konzil es Anfang der Sechzigerjahre erlaubt, die Heilige Messe auch in der Landessprache zu feiern, komponiert er die Misa Criola, eine Kantate aus Gesängen und Melodien Südamerikas. Was muss es bedeutet haben, den Glauben erstmals auf Spanisch und mit der eigenen Musik feiern zu dürfen?
Das Schwesterwerk „Navidad Nuestra“, auf Deutsch „unser Weihnachten“, erscheint 1964. Ramírez lässt Maria und Josef eine Herberge suchen, in der Pampa Argentiniens, seiner Heimat: „La Peregrinaciòn“ – die Wanderung
„Auf dem Weg, auf dem Weg, José und Maria.
Durch die kalte Pampa. Disteln und Brennnesseln.
Durch das Feld.
Es gibt keinen Schutz und keine Herberge.
Geht weiter.
Wenn dich niemand aufnimmt. Wo wirst du geboren?
Auf dem Weg, auf dem Weg.
José und Maria.
Mit einem versteckten Gott.“
Die Sängerin Mercedes Sosa hat mit ihrer Interpretation des Stücks Ramírez ein Denkmal gesetzt. Ein wenig auch sich selbst. Vor allem aber dem auf die ganze Erde gekommenen Gott.
Musik 5: Ariel Ramírez: La Peregrinacion (navidad nuestra no. 2), gesungen von Mercedes Sosa und dem Estudio Coral de Buenos Aires
Teil 6, Autor
In Ramírez‘ Kompositionen wird die Weihnachtsgeschichte eine südamerikanische, ohne ihren Ursprung zu verleugnen. Gott kommt zu den kleinen Menschen. Das gilt rund um den Globus. In diesem Kind werden arme Leute reich, denn seine Botschaft macht mutig und frei – egal, ob in Bethlehem, Soweto oder Buenos Aires.
Für viele in Südamerika gehört die Navidad Nuestra zu ihrer christlichen Identität. „La Peregrinaciòn“, die Suche nach einer Herberge für das neugeborene Leben wirkt über den Atlantik zurück, wird neu interpretiert von der Britin Kate Stables. Sie verwandelt die argentinische Pampa zur urbanen Wüste. Jesus – oder jedes andere Kind, kommt noch einmal zur Welt im 21. Jahrhundert. Mut und Freiheit brauchen eine neue Übersetzung.
Musik 6: This is The Kit: La Peregrinación
Teil 7, Autor
In der Tradition des amerikanischen Gospels ist der Mut, für Freiheit und Gerechtigkeit zu kämpfen, fest verwurzelt. Verwurzelt auch in der Botschaft, dass diese Erde ihr Gesicht verändern kann und wird, weil Gott Mensch wurde. Der Soul- und Bluesmusiker James Brown war selbst in den Armutsvierteln von Augusta, Georgia, aufgewachsen, lebte zweitweise als Kind in einer Wellblechhütte und bei wechselnden Verwandten. „Santa Claus Go Straight to The Ghetto“ erscheint 1968 auf dem Höhepunkt der Menschenrechtsbewegung in den USA. Der Song ist Erinnerung an Browns Herkunft und zugleich Appell, die Ghettos dieser Welt zu beseitigen. James Brown stellt der gutbürgerlichen Santa-Claus-Weihnachtsromantik die harte soziale Realität schwarzer Communities der 60er-Jahre gegenüber.
Heiliger Nikolaus, geh‘ zuerst ins Ghetto.
Sag ihnen, James Brown hat dich geschickt.
Heiliger Nikolaus, geh direkt ins Ghetto.
Für jedes Paar Socken, welches du kaufst,
werden dich die Kinder lieben.
Heiliger Nikolaus, geh geradewegs ins Ghetto,
wen du dort sehen wirst, das war einst ich.
Musik 7: James Brown: Santa Claus Go Straight To The Ghetto, A Soulful Christmas
Teil 8, Autor
Wie klingt Weihnachten, wenn man aus Nigeria stammt? Babatunde Olatunji war ein berühmter Jazzmusiker und Komponist. Er starb 2003. Zeit seines Lebens verband er die musikalische Kultur seiner Heimat, ihre Rhythmen und Instrumente, mit den Musikstilen, in denen er lebte und arbeitete. Olantunji spielte mit den Jazzlegenden Nordamerikas, war eng befreundet mit John Coltrane und gilt als Vater der Weltmusik.
Sein Weihnachtslied „Betelehemu“ ist ein Lobgesang auf das Dorf, in dem die Jesusgeschichte beginnt: Bethlehem, die kleinste unter den Städten Judas. Olatunji lobt die Geburt des „Vaters, auf den wir uns verlassen können“ in seiner Muttersprache Yoruba. Der Wechselgesang, die Stimmen und Harmonien klingen afrikanisch – und zugleich auch ein wenig amerikanisch. Insofern verwundert es nicht, wenn diese Version von Betelehemu ausgerechnet vom Mormon Tabernacle Choir aus Salt Lake City, Utah, vorgetragen wird.
Musik 8: Babatunde Olatunji: Betelehemu, gesungen vom Mormon Tabernacle Choir, Celebrating A Century Of Recording Excellence
Teil 9, Autor
Und auch hier wieder erzählen andere Menschen an anderem Ort und in eine andre Zeit hinein ihre eigene Weihnachtsgeschichte, indem sie Olantunjis Musik adaptieren und in ihre Gegenwart hinein neu sprechen lassen. Die polnische Musikgruppe TGD bringt Tempo, Beat, Fröhlichkeit in die Worte des Lobliedes – und wohl auch ihren polnischen Akzent:
Wo ist Jesus geboren?
Wo wurde er geboren?
In Bethlehem, der Stadt des Wunders.
Dort ist, wo der Vater geboren wurde, ganz sicher!
Musik 9: Babatunde Olatunji: Betelehemu, gesungen von TGD, Koledy Swiata
Teil 10, Autor
Weihnacht? Jetzt erzähle ich! Mit der Acapella-Gruppe Maybebop und „Als ich bei meinen Schafen wacht“ endet meine Weihnachtsgeschichte. Ich wollte von Menschen erzählen, die sich Jesu Geburt zu ihrer Geschichte gemachen haben. In jeder Erzählung von ihm, in jedem Song, wird – wenn man so will, Jesus noch einmal geboren. In unseren Tönen und Worten ist Gott in der Welt, und verändert sie. So habe ich von einem Jesus erzählt, der rund um den Globus Sehnsucht, Kraft und musikalische Kreativität freisetzt. Zum Gestalten unserer Welt in seinem Sinn. Denn das fasziniert mich alle Jahre wieder.
Wie würden Sie erzählen?
Ich wünsche Ihnen noch frohe Weihnachtstage!
Musik 10: Maybebop: Als ich bei meinen Schafen wacht, Schöner Schein, 2024