Krippe freilegen
Wir in der Kirche verlieren nicht nur Mitglieder, sondern inzwischen auch die Deutungshoheit über unsere großen christlichen Feste.
Ostern zum Beispiel: Da legt ein Hase Eier. Nix Auferstehung Jesu!
Oder, genau, Weihnachten: Da fliegt ein alter Mann mit weißem Bart und rotem Mantel auf einem Rentierschlitten voller Geschenkpakete durch die Luft.
Gut, den Weihnachtsmarkt in Nürnberg eröffnet ein Christkind. Das ist aber nicht der Heiland in der Krippe zu Bethlehem.
Nein, auf dem Turm der Nürnberger Frauenkirche steht ein junges Mädchen im goldig-weißen Gewand mit Krone auf den blonden Locken und spricht: „Am Saum des Jahres steht nun bald der Tag, an dem man selbst sich wünschen und andern schenken mag. Das Christkind lädt zu seinem Markte ein, und wer da kommt, der soll willkommen sein.“
Wünschen, Schenken, Kaufen. Dieser Dreiklang tönt die ganze Vorweihnachtszeit hindurch. Die Weihnachtsmärkte sind inzwischen ein echter Umsatzbringer und die Kommunen tun alles, dass der Glühwein fließt und damit auch Geld in die klammen Kassen. Die Besucherzahlen zeigen: das Angebot kommt gut an. Auch bei mir. Ich war inzwischen schon auf drei Weihnachtsmärkten. Und ein paar Geschenke für unter den Baum an Heiligabend hab ich dort auch gekauft. Oh du fröhliche, umsatzsteigernde Weihnachtszeit.
Nun, ich weiß nicht, ob es Ihnen auch so geht, aber: mir reicht dreimal Weihnachtsmarkt. Zu bunt, zu laut. Es blinkt, es leuchtet, es schallt. Es stresst. Seit dem Oktoberfest schon. Dabei möchte ich eigentlich im November in Ruhe der Verstorbenen gedenken. Und dann erst Weihnachtsdeko sehen und mit Jingle Bells beschallt werden.
Immerhin – auch der Ursprung des ganzen Trubels ist auf den Weihnachtsmärkten zu finden. Irgendwo steht sie still in einer Ecke, lebensgroß. Noch. Gestalten aus einer anderen Zeit, naiv – aber irgendwie rührend neben all den bunten Lichtern, dem Glühweinduft und der Last-Christmas-Beschallung. Da steht sie, die Krippe mit dem Kind, Maria und Josef, den Hirten und Schafen, Ochs und Esel.
Ich wünsche Ihnen mit den Worten von Schauspieler Christoph Maria Herbst, dem Stromberg-Darsteller: „Dass wir unter all dem Geschenkpapier und den Gutscheinen die Krippe zwischendurch nochmal freilegen, das fänd ich schon sehr wichtig.”
Hier der Link zur ARD-Mediathek: https://www.ardmediathek.de/video/aus-christlicher-sicht/aus-christlicher-sicht-11-12-2025/sr/Y3JpZDovL3NyLW9ubGluZS5kZS9BQ1NfMTYxODcy