Ganz anders leben
„Ganz anders könnten wir leben.“ So lautet der Titel eines Buches von Margot Käsmann, dass ich vor einigen Jahren einmal geschenkt bekommen habe. Ein kleines Lesebüchlein, in dem die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland fiktive Begegnungen mit dem amerikanischen Menschenrechtler Martin Luther King beschreibt.
„Ganz anders könnten wir leben.“ Der Titel klingt in mir nach. Dann, wenn die Nachrichten wieder eine Schreckensmeldung nach der anderen bringen, und ich ehrlich darüber staunen muss, was Menschen einander alles antun können. Dann, wenn Nachbarn und Familien in Wut und Zorn auseinandergehen – wegen Hecken, Mülltonnen, Geld und anderen Missverständnissen. Dann, wenn das nächste böse Gerücht die Runde macht, und Menschen hinter vorgehaltener Hand flüstern und die Nase übereinander rümpfen. Ja, wir könnten auch ganz anders leben.
Für Martin Luther Kings Traum von diesem anderen Leben wird er am 4. April 1968 erschossen. Allein aus Hass und aus Furcht. Für ein Leben im gewaltlosen Widerstand und radikaler Nächstenliebe. Aber: Sein Traum hat etwas in Bewegung gesetzt, dass Gott sei Dank nicht mehr aufgehalten werden konnte.
Ganz anders leben können – der Apostel Paulus nennt das in der Bibel „ein Leben im Geist Gottes.“ Also ein geistliches Leben. Und für ihn gehört das zum christlichen Glauben von Anfang an dazu. Wer aus dem Glauben heraus lebt, der lebt aus dem Geist Gottes. Und aus dem Geist Gottes heraus lebt er zwangsläufig ganz anders in die Welt hinein. Mit einem ganz neuen, ganz anderen Blickwinkel auf sich selbst, seine Mitmenschen und die Welt. Befreit unter dem Kreuz. Versöhnt durch Jesus. Mutig am Tag und getröstet in der Nacht. Aber wenn es doch so einfach, so eindeutig ist – müssten die Nachrichten dann nicht ganz andere Schlagzeilen bringen?
Ich fürchte, dass es daran liegt, dass wir Menschen uns oft fürchten. Davor, selbst zu kurz zu kommen. Davor, übervorteilt zu werden. Davor, bedeutungslos zu sein und einfach vergessen zu werden. Und aus dieser Furcht heraus werden Menschen oft grausam, ungerecht und bitter.
Und das, obwohl Gott in der Bibel immer wieder sagt: „Fürchte dich nicht“. Insgesamt 365 mal sagt er das. Quasi einmal für jeden Tag im Jahr. Immer dann, wenn er Menschen nahekommt. Immer dann, wenn Menschen ihm nahekommen. „Fürchte dich nicht“.
Was wäre das für eine Welt, in der wir diesen Worten Glauben schenken könnten? Ganz anders könnten wir dann leben. Ohne Schreckensmeldungen. Ohne Streit. Ohne Missgunst. Ein geistliches Leben wäre das. Befreit unter dem Kreuz. Versöhnt durch Jesus. Mutig am Tag und getröstet in der Nacht. Alles nur ein Traum?
Gott sei Dank nicht. Denn manchmal, da scheint dieses ganz andere Leben schon heute durch. Dann, wenn Menschen offen aufeinander zugehen. Dann, wenn miteinander geteilt und gelebt, gelacht und geliebt wird und einer des Anderen Last mitträgt. Wo das geschieht, ist auch die Welt eine andere. Eine, in der geheilt statt verwundet wird. Eine, in der vergeben statt angeklagt wird. Eine Welt voller genutzter Möglichkeiten und voll vom Geist Gottes. Eine Welt in der wir alle ganz anders leben können.