Verbandskasten
„Hier, falls deiner demnächst auch abläuft. Bei der nächsten Kontrolle hast du dann keinen Ärger – so wie ich gestern!“
Meine Mutter gibt mir eine kleine rote Kiste mit einem Kreuz drauf: ein Verbandskasten.
Mein erstes Auto habe ich jetzt seit fast einem Jahr. Mir ist – Gott sei Dank – noch nichts Schlimmes passiert. Den gesetzlich vorgeschriebenen Verbandskasten hab ich nicht gebraucht. Er ist noch eingepackt, aber er hat sein Verfallsdatum erreicht.
Eigentlich merkwürdig: Da liegt eine kleine rote Kiste in jedem Kofferraum. Nicht weil ständig etwas passiert. Sondern weil etwas passieren könnte. Und man hofft, diese Kiste nie öffnen zu müssen.
Solche Verbandskästen gibt es nicht nur im Kofferraum meines Autos. Sondern noch andere in meinem Leben, die ich bereithalte für den Ernstfall.
Freunde zum Beispiel. Menschen, die ich nicht erst dann anrufe, wenn alles schiefläuft. Sondern die schon vorher da sind. Oder Erinnerungen an gute Zeiten, die mich durch schlechte Tage tragen. Bei mir auch der Glaube, der unscheinbar im Hintergrund liegt und erst dann wichtig wird, wenn die Straße plötzlich holprig ist.
Der Verbandskasten in meinem Auto liegt unbeachtet im Kofferraum. Ich denke selten an ihn. Aber es ist beruhigend zu wissen, dass er da ist.
Und vielleicht sind die wichtigsten Dinge im Leben genauso: nicht ständig im Blick, nicht immer im Einsatz – aber sie sind da, wenn ich sie brauche.