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Schweigen ist Platin

Eigentlich arbeiten Pfarrer ja nur sonntags eine Stunde.
Aber es gibt Ausnahmen. Da gehe ich zu
Trauergesprächen. Ich treffe Menschen, die jemanden
verloren haben. Gemeinsam reden wir übers Leben und
Sterben, über die Trauer, auch über Freude. Und wir
planen die Trauerfeier. 

Ein Witwer sagt gegen Ende des Gesprächs: „Könnten Sie
den Leuten vielleicht sagen, dass sie auf dem Weg von der
Kirche zum Grab die Klappe halten sollen?“ Ich frage, wie
er das meint. 

Und er erklärt: „In meinem Alter ist man leider öfter auf
Beerdigungen unterwegs. Und was ich da so alles höre auf
diesem besagten Weg, das ist gar nicht zu fassen. Die
Lautstärke allein schon, und worum es geht! Ein paar
Sachen sind mir noch deutlich in Erinnerung:

Du, ich hab letzte Woche Eins-A-Gartenstühle im
Discounter gekauft. Die war’n sowas von billig. Und
Polster gab’s auch noch im Angebot. In Grün und
Blauweißgestreift. Zum Glück hatte ich mein Handy dabei.
Da hab ich gleich meine Frau angerufen, und die meinte,
grüne Polster würden besser zum Schirm passen. Echt
super, die Gartenstühle!

Oder: Hast du gesehen, wie dick der X geworden ist? Der
sieht echt schlecht aus! Und der Y, wer ist denn das, mit
dem der da ist? Ist das nicht der vom Tischtennisverein?
Der Witwer holt Luft und sagt: So was will ich bei der
Beerdigung meiner Frau nicht hören müssen!“

Ich kann ihn verstehen und frage, wie wir das denn
einfädeln sollen. Wir tüfteln eine ganze Weile und einigen
uns auf eine höflich-neutrale Formulierung: Wir geleiten
unsere Verstorbene zu ihrer letzten Ruhestätte. Das tun wir
in schweigendem Gedenken.
Und was glauben Sie? Es hat funktioniert.