Der zweite Advent steht kurz bevor. Ich schlendere
entspannt durch die Bahnhofstraße, auf dem Weg zu einer
Verabredung. Die Stadt ist schön geschmückt, die
Weihnachtsmärkte haben geöffnet und die Menschen, ja,
die hetzen wie verrückt durch die Gegend. Die
Atmosphäre wirkt unruhig. Von einer besinnlichen
Adventszeit spüre ich wenig. Stattdessen herrschen
Hektik, Nervosität und Gedränge. Die Suche nach
Weihnachtsgeschenken läuft auf Hochtouren.
Ich stelle fest, dass meine Schritte schneller werden. Die
Hektik fängt an, auf mich abzufärben. Das gefällt mir
nicht. Spontan gehe ich in eine Buchhandlung. Meine
Schritte werden langsamer. Ich schau mich um und
entdecke in einer Ecke einen Sessel. Direkt daneben steht
ein Regal voller Gedichtbände. Eine gute Gelegenheit, um
zur Ruhe zu kommen, denke ich. Also schnappe ich mir
einen Gedichtband und setze mich in den Sessel.
Neugierig blättere ich Seite für Seite durch das Buch und
stoße auf besinnliche Worte von Rainer Maria Rilke.
Sie handeln vom Advent und der bevorstehenden Feier der
Geburt Christi. Bereits vom ersten Vers an, spüre ich
langsam Ruhe in mir einkehren. Rilke schreibt:
Es treibt der Wind im Winterwalde
die Flockenherde wie ein Hirt,
und manche Tanne ahnt, wie balde
sie fromm und lichterheilig wird.
Und lauscht hinaus. Den weißen Wegen
streckt sie die Zweige hin – bereit
und wehrt dem Wind und wächst entgegen
der einen Nacht der Herrlichkeit.