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Nur ein Tag – aus dem Leben einer Eintagsfliege

Wenn ich nur noch einen Tag zu leben hätte, dann … – Ja, was dann? Wie ich mich kenne, würde ich total nervös und fahrig werden. Nur noch ein Tag! Hilfe! Ich muss unbedingt noch das und das klären, noch ein paar geliebte Menschen treffen. Oder ich wäre wie erstarrt. Weil ich mit jedem Herzschlag die ablaufende Zeit spüren würde.

In dem Kinofilm „Nur ein Tag“ ergeht es einer Eintagsfliege genauso, sie zählt die Zeit, die ihr bleibt, rückwärts: „Eine Stunde, 10 Minuten und 20 Sekunden. Eine Stunde, 10 Minuten und null Sekunden.“ Und so weiter.

Eine zweite Eintagsfliege weiß nicht, dass sie eine Eintags-Fliege ist. Sie hat viel vor. Sie denkt: „Ich bin eine Maifliege. Jetzt ist doch Mai, oder? Ich hab‘ einen vollen Terminkalender. Erstens einen Beruf lernen, zweitens heiraten, drittens alt werden. Und dann natürlich noch ein paar Sprachen lernen.“ Diese zweite Fliege ist gerade am Ufer eines Sees geschlüpft, beobachtet von Fuchs und Wildschwein. Der Fuchs ist sehr aufgeregt. Aber das Wildschwein ist skeptisch: „Komm, wir gehen! Ich will sie nicht kennenlernen. Wenn ich sie kennenlerne und liebgewinne, …“ Der Fuchs weiß, was seinen Freund bedrückt: „Dann musst du weinen, wenn sie heute Abend stirbt!?“

Aber als die kleine Fliege zu ihnen hinüber gehüpft kommt, ist es zu spät zum Abhauen. Und weil sie so lebensfroh ist, bringen die beiden es nicht übers Herz, ihr zu sagen, dass ihr nur ein Tag vergönnt ist. Sie behaupten, es sei der Fuchs, der heute seinen letzten Tag hat, darum seien sie traurig. „Der Fuchs? Nur ein einziger Tag?“ Angesichts des nahen Todes wird auch die Fliege traurig. Doch sie besinnt sich. Nicht Trauern ist jetzt die Aufgabe. Man muss dem Fuchs helfen, dass er nicht sein ganzes kurzes Leben auf den Tod starrt. „Wer nur einen Tag hat, der braucht das ganze Glück in 24 Stunden.“

Es wird ein wunderbarer Tag. Mit Lachen, Durch-den-Wald-Laufen, Lernen, Lieben, Eine-Familie-Sein, Altwerden, Schlafen. Genau wie es der Prediger Salomo im Alten Testament beschreibt: Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde. Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit. (Prediger 3)

Ich mag diese Sätze, die Gelassenheit darin. Das Leben – auch mein Leben – ist ein Wachsen und ein Werden und ein Vergehen. Der Prediger Salomo – genau wie der Film um die lebensfrohe Eintagsfliege – beschreibt alles so selbstverständlich. Solche Texte und solche Filme nehmen mir manche Grübelei. Ich lasse mich anregen, das Leben – und den Tod – ebenso selbstverständlich zu nehmen. Das Glück heute, in den kleinen Alltäglichkeiten, zu finden. Und bei allem, sagt mir der Prediger Salomo, bin ich umgeben von Gottes Fürsorge.

In dem Film erfährt die fröhliche Eintagsfliege gegen Abend dieses wunderbaren Tages: Es ist sie, die heute ihren einzigen Tag erlebt. Wütend über die Freunde und die Lüge, die sie ihr aufgetischt haben, haut sie ab. Stiefelt durch einen düsteren Wald, kommt in ein schwarzes Tal, sie weint. Und dann trifft sie ihre Artgenossin, die Eintagsfliege, die trübselig die Zeit rückwärts zählt. Und allmählich verraucht die Wut. Denn auch die fröhliche Eintagsfliege zählt, und zwar die Ereignisse ihres Tages, und merkt: Wie sehr sich Fuchs und Wildschwein ins Zeug gelegt haben, um aus dem Tag einen wunderschönen Tag zu machen. Ein schönes Leben. – Und dann hat sie es eilig. Denn sie muss noch ein paar Aufgaben ihres Lebens erledigen. Sie paart sich. Und nun wachsen neue Larven im See heran.

Der eine Tag in diesem Film steht für ein ganzes Leben. Und umgekehrt gilt auch: Ein Leben ist wie ein Tag. Vom Aufwachen bis zum Schlafengehen. Und ich muss meine Aufgaben, die mir das Leben gibt, finden und erledigen. An diesem Tag und im ganzen Leben. Und dabei soll ich guten Muts sein, gelassen und heiter. Und wissen: Gott begleitet mich.