Notfall-Konfetti
„Papa, ich hab ’ne Zwei in Mathe geschrieben! Soll ich jetzt Konfetti werfen?“
Mein Sohn steigt ins Auto, strahlt über das ganze Gesicht und hält mir eine Handvoll bunter Papierschnipsel unter die Nase. Ich war verblüfft. Klar, Mathe ist nicht sein Lieblingsfach – da ist eine Zwei fast schon ein mittleres Wunder. Die Freude war also absolut berechtigt. Aber Konfetti? Ausgerechnet im Auto? Vor meinem geistigen Auge sah ich mich schon mit der Fugendüse vom Staubsauger verzweifelt durch die Polsterritzen kriechen.
„Sag mal“, habe ich gefragt, „woher hast du überhaupt Konfetti? Du bist doch in gar keinem Karnevalsverein!“
Er antwortete ganz trocken: „Das ist Notfall-Konfetti, Papa. Das hab ich immer in der Tasche. Falls es mal richtig gute Nachrichten gibt. Eine Idee von unserer Lehrerin.“
Ich muss zugeben: Diese Idee ist genial. Ein „Notfall-Ritual“ für den Alltag. Wir Theologen definieren Rituale ja oft furchtbar kompliziert: Nach festen Regeln ablaufende, formelle Handlungen mit hohem Symbolgehalt. Aber in der Praxis ist ein Ritual etwas ganz anderes: Es ist ein Geländer für die Seele. Es gibt Momenten ein Gewicht, das sie sonst vielleicht gar nicht hätten.
Ich erinnere mich an eine Trauung im Hospiz. Ein Mann hatte seinem langjährigen Partner – nur zwei Wochen vor dessen Tod – einen Heiratsantrag gemacht. Die beiden fragten mich: „Geht das denn überhaupt noch, Herr Pfarrer? So kurz vor dem Ende? Mit Segen und allem?“ Und ob das ging! Es wurde eine der bewegendsten Feiern, die ich jemals erlebt habe. Als die beiden die Ringe tauschten, war da eine so unglaubliche Dichte im Raum. Dieses Ritual hat dem Abschied etwas entgegengesetzt: ein unübersehbares Ja zur Liebe.
Eine Studie aus Frankreich zeigt gerade einen verblüffenden Trend: Immer mehr Jugendliche wollen sich taufen lassen. Auch so ein Ritual. Das Bemerkenswerte dabei ist: Viele kommen aus Familien, die keinen Kontakt mehr zur Kirche hatten. Wenn man sie fragt, warum sie das tun, sagen sie: Weil sie in einer immer unübersichtlicheren Welt nach Gemeinschaft suchen. Nach Sinn. Nach Orientierung.
Ob Jesus Notfall-Konfetti in der Tasche hatte? Überliefert ist das nicht. Aber ich bin sicher: Der Gedanke hätte ihm gefallen.
Mein Sohn durfte sein Konfetti übrigens werfen. Aber erst zu Hause im Flur. Es sah toll aus! Und anschließend habe ich ihm den Staubsauger in die Hand gedrückt.
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