Mutter aller Probleme
Über die Flucht aus der damaligen DDR hat er nur ganz selten gesprochen. Eine
Flucht über die damals noch junge Grenze. Und er als Kind im Kofferraum. Angst
hatte er schon gehabt, aber für die Kinder stand das Neue, das Aufregende im
Vordergrund, für die Eltern hingegen das Überleben. Sie sind nicht freiwillig
gegangen, sondern weil sie wussten, dass es besser für sie war, weil sie drüben
keine Chance gehabt hätten. Mehr habe ich von dem alten Mann nie erfahren.
Flucht und Migration vor 70 Jahren.
War der alte Mann damit also ein Auslöser, ein Vater aller Probleme? Hmm, wohl
kaum. Genauso wenig wie die mehr als 7 Millionen deutschen Frauen, Männer und
Kinder, die im 19. Jahrhundert über Bremerhaven in die USA ausgewandert sind.
Als Wirtschaftsflüchtlinge, wie wir heute sagen würden. Migration vor knapp 150
Jahren.
Und wenn die zugewanderten Hugenotten nach den Kriegen des 17. Jahrhunderts
nicht die ausgemergelte Südpfalz bevölkert hätten, würde es dort vielleicht heute
noch düster aussehen.
Migration gab es immer schon, ob als Folge von Missständen und Verfolgung oder
weil Regionen und Länder geradezu darum geworben haben, dass Menschen ihre
Heimat verlassen, um vor Ort beim Aufbau helfen.
Migration ist sogar ein religiöses Grundmotiv im Judentum wie auch im Christentum.
Abraham und Sara machen sich auf den Weg, Mose leitet ein ganzes Volk durch die
Wüste, und Jesus selbst muss fliehen. Direkt nach seiner Geburt mussten seine
Eltern mit ihm nach Ägypten emigrieren, damit er nicht einer Mordaktion von König
Herodes zum Opfer fällt. So erzählt es das Neue Testament.
Und Gott? Gott war immer mit auf dem Weg, so erzählt es die Bibel in unzähligen
Geschichten. Weil Gott auf der Seite der Schwachen steht, bei denen, die sich auf
den Weg machen. Und dabei oft auch schwere Wege gehen müssen. Das Kreuz ist
ein Symbol genau dafür: Gott geht mit selbst durch das größte Leid.
Vor allem Menschen, die das Kreuz gerne an öffentliche Wände hängen, sollten
genau dies bedenken. Nicht Migration ist die Mutter aller Probleme, sondern Hass,
Ignoranz und die Angst, zu kurz zu kommen. Wer nach Lösungen für viele der
Probleme in unserem Land sucht, sollte genau dort ansetzen.