Marionette
Eigentlich mag ich keine Marionetten. Puppen mit starrer Miene – selbst, wenn sie lächeln.
Arme, Beine und sogar der Kopf durchbohrt und mit Fäden verknüpft. Und die enden in der Hand eines anderen. Ich finde sie einfach gruselig.
Und doch bleibe ich in der Fußgängerzone stehen und schaue dem Puppenspieler zu. Ihm und seiner Puppe aus Porzellan mit buntem, paillettenbesetzen Kleid. Ihr Blick ist nachdenklich erstarrt, die Lippen leuchten tiefrot geschminkt. Ihre Bewegungen sind sanft und fließend, fast natürlich. Und je länger ich dastehe, desto mehr versinke ich zwischen Abscheu und Faszination im Spiel und in der Bewegung der Figur an den roten Fäden.
Und plötzlich wendet sie sich direkt zu mir. Ihr blass-weißes Gesicht und ihre roten Lippen fragen mich: „Woher kommt deine Angst, deine Abscheu? Glaubst du, dass du frei bist? Wer hat dich am Gängelband? Deine Familie? Dein Beruf? Und lassen dir deine Wünsche und Erwartungen eine lange Leine? Oder hast Du dich längst selbst verheddert und bist fest verknotet? Ist der rote Faden des Lebens mit deiner Hand verbunden? Oder bist du längst abgeschnitten und bewegungsunfähig und merkst es nur nicht? Aus welchem Porzellan bist du gemacht?“
Ich komme kaum nach, die Fragen zu bedenken, geschweige denn sie zu beantworten, da verbeugt sie sich, als wolle sie das Gespräch beenden. Die Fragen nach dem Sinn des Lebens will sie auch anderen stellen. Sie hat heute noch viel zu tun.