Im Bus
Im Glücksatlas, der von der Süddeutschen Klassenlotterie erhoben wird, ist das Saarland auf dem vorletzen Platz der 16 Bundesländer zu finden.
Das deckt sich mit meinen Erfahrungen in Bus und Bahn.
Da sehe ich selten in glückliche Mienen.
Eher begegne ich einer genervten und gereizten Grundstimmung.
Das beginnt mit dem ungeduldigen Busfahrer, dem es eine Freude zu sein scheint, Fahrgäste anzuraunzen.
Gott sei Dank gibt es auch freundliche.
Doch spätestens, wenn ich im Gang stehen muss, weil ich keinen freien Sitzplatz finde, befällt mich Beklommenheit. Ich schaue in freudlose Gesichter. Angespannt blicken die meisten Fahrgäste in ihr Handy. Über sich eine unsichtbare Glaskuppel. Die virtuelle Welt und ihr Konsument sind verschmolzen und abgeschottet vom Leben um sie herum.
Wenn dennoch Gespräche geführt werden, ist der Ton oft verjammert oder vernörgelt. Konflikte werden ausgewalzt. Es wird geschimpft auf ‚Die da oben‘ oder DIE Ausländer.
Nun mag ja der Winterblues eine Rolle spielen, oder das nicht einfache Leben vieler Menschen, die mit wenig Geld auskommen müssen.
Sicher trägt aber auch diese virtuelle Welt ihren Teil bei zum allgemeinen Frust.
Sie gibt vor, wie wohlhabend, erfolgreich oder luxuriös das Leben sein könnte.
Influencer zeigen den perfekten Look. Konsum verspricht Glück.
Pech hat, wer bei dem Rennen nicht mithalten kann.
Pech, das in den Gesichtern zu lesen ist, sich in der allgemeinen Stimmung niederschlägt.
Inmitten dieser gedämpften Stimmung gärt dann in mir die Frage:
„Ist den Deutschen das Glück abhandengekommen?“
Das simple kleine Glück. Nicht der Adrenalinkick, das berühmte „puuure Adrenalin“.
Nicht das käufliche Luxusglück, das in den Schaufenstern der Düsseldorfer Kö oder der Münchner Maximilianstraße glitzert, blinkt und blendet.
Das Markenglück von Uhren, Schmuck, Taschen, Autos oder Handys, von denen meine Mitfahrerinnen und Mitfahrer nur träumen können.
Solches Glück ist wie eine Droge. Der Kick blitzt auf und verblasst rasch.
Wo bleibt der nächste Reiz?
„Das Glück kennt nur Minuten, der Rest ist Warteraum“ sang die große Hildegard Knef.
Leben kann nicht dauerhaftes Glücklichsein bedeuten.
So ist es nicht konstruiert.
Es wäre auch langweilig, wie ein immerwährender Sonnenschein.
Das Unglücklichsein hingegen hat sich wohl bei vielen eingenistet wie die Motten im Kleiderschrank. Dauerhaft und schwer zu vertreiben. Nicht durch den berühmten Kick und auch nicht von den vielen neunmalklugen Sätzchen auf WhatsApp: Glück bedeutet, bla, bla, bla.
Armut macht unglücklich, da bin ich sicher.
Dass Wohlstand glücklich macht, da bin ich nicht sicher.
Aber kleine Momente machen glücklich, auch im Bus:
Etwa das Kind im Kinderwagen, das meinen Blick sucht, und wir spielen Ich-gucke-dich-an-ich-gucke weg. Pure Heiterkeit.
Oder die beiden Unterstufenschüler, ein Bub und ein Mädchen, die nicht ins Handy starren, sondern Pläne schmieden, wie es schulisch weiter gehen könnte.
Glück ist das erwiderte Lächeln der Sitznachbarin im Bus. Ein freundlicher Kontakt zwischen Unbekannten.
Das Glück währt nur Minuten, der Rest ist Warteraum!