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Hyazinthen

Ich stehe vor den Hyazinthen, und sofort fallen mir die kräftigen Farben auf – ein tiefes Violett, strahlendes Blau, zartes Rosa. Sie leuchten förmlich im Morgenlicht, als hätten sie eine eigene kleine Sonne. Und dann denke ich an die Legende: Hyazinth, ein junger Mann, geliebt von Apollon, dem griechischen Gott der Sonne, wird bei einem Diskuswurf tödlich verletzt. Aus seinem Blut wächst die Blume – zart, schön, getragen von Trauer.

Ich gehe nah heran, rieche die Blüten, spüre die Kälte der Erde unter meinen Fingern, die Feuchtigkeit des Bodens. Es ist seltsam, wie etwas so Lebendiges und Schönes aus Schmerz entstehen kann. Wie Erinnerung und Verlust plötzlich sichtbar werden, in Farbe und Duft. Ich frage mich, wie oft wir solche Schönheit übersehen – weil ich zu schnell gehe, zu beschäftigt bin, zu abgelenkt, um zu sehen, was vor mir wächst.

Ich bleibe einen Moment stehen und sehe jede einzelne Blüte. Jede ist anders, jede scheint ihre eigene Geschichte zu tragen. Manche sind fast geschlossen, scheu im Wind, andere öffnen sich mutig und strahlen voller Kraft. Ich merke, dass auch mein Leben so ist: Momente der Freude, Momente des Schmerzes, Momente, die schnell vergehen – und trotzdem etwas hinterlassen.

Und so stehen sie da, die Hyazinthen – still, leuchtend, ein kleines Denkmal für alles, was verloren ging und doch bleibt. Ich atme tief ein und spüre: Aus Vergänglichkeit kann Schönheit entstehen. Aus Trauer kann Erinnerung wachsen. Und genau das, denke ich, macht das Leben kostbar – in all seinen Farben, seinen Düften, seinen Geschichten.