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Große Fußstapfen

„Mann, Papa! Das ist voll unfair!“ Mein kleiner Sohn hat das zu mir gesagt. Heute Morgen, als er überlegt hat, welche Schuhe er denn heute Abend schön geputzt vor die Tür stellen wird. Damit der Nikolaus etwas reinstecken kann. „In Deine Schuhe passt viel mehr rein als bei mir! Du hast ja bestimmt so große Schuhe wie der Nikolaus!“

„Aha!? Woher weißt Du denn, wie groß die Schuhe vom Nikolaus sind?“, habe ich gefragt.

„Das habe ich auf Bildern gesehen. Der hat voll große rote Stiefel!“, so die Antwort.

Und die hat mich ins Nachdenken gebracht. Mal abgesehen davon, wie groß die Schuhe bzw. die Füße des Nikolaus sind – seine Fußstapfen sind in der Tat ziemlich groß. Unzählige Geschichten ranken sich um den Mann, der im 4. Jahrhundert Bischof von Myra in der heutigen Türkei war. Geschichten darüber, was er alles Gutes getan hat. Da gibt es zum Beispiel die Geschichte von einem Vater von drei Töchtern. Der war so arm, dass er keine andere Möglichkeit gesehen hat, als seine Töchter zur Prostitution freizugeben. Und was hat Nikolaus gemacht? Er hat Geld durch den Schornstein des Vaters geschmissen und ihm so aus der Patsche geholfen.

Klar: Diese und auch viele andere Geschichten über den Nikolaus sind Legenden. Da haben Menschen im Laufe der Jahrhunderte hier ein bisschen dazugedichtet und da ein bisschen ausgeschmückt. Eins zu eins darf man diese Legenden nicht für bare Münze nehmen. Aber: Einen wahren Kern gibt es doch. Und der lautet: Der Bischof von Myra hat seine Mitmenschen wahrgenommen. Ihre Bedürfnisse und ihre Not. Und wo er konnte hat er seinen Teil dazu beigetragen, ihre Not zu lindern. Mal mehr, mal weniger.

Ja, es stimmt: Die Fußstapfen des Nikolaus sind ziemlich groß. Und oft schon waren sie zu groß für mich. Nämlich immer dann, wenn ich daran gescheitert bin, in ihnen zu gehen. Wenn ich meine Mitmenschen nicht richtig wahrgenommen oder ihre Not nicht gelindert oder ihnen nicht genügend geholfen habe.

Umso wichtiger ist es aber, es trotzdem oder gerade deswegen immer wieder neu zu probieren. Jeden Tag gibt es neue Gelegenheiten dafür, in die Fußstapfen des Nikolaus zu treten. Und ob sie mir zu groß sind oder nicht – darüber entscheidet nicht meine Schuhgröße. Darüber entscheide letztlich ich ganz allein.